US-Bosse: Abkehr vom Shareholder Value?

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Geld verdienen! Das galt lange als der Sinn und Zweck jeder Firma. US-Konzerne sind jetzt etwas abgerückt vom Shareholder-Value-Dogma – zumindest auf dem Papier. Eine Revolution ist dennoch nicht zu erwarten.

Apple-Chef Tim Cook, Amazon-Gründer Jeff Bezos, die Bosse der größten Banken und Hedgefonds – rund 200 einflussreiche Unternehmer sind Mitglied beim Business Roundtable, einer 1972 gegründeten Lobbyorganisation multinationaler US-Konzerne. Dass die Chefs vor allem ihren Investoren verpflichtet sind, also ihren Anteilseignern (engl. Shareholder), stand lange außer Frage, “Shareholder first” war das Mantra der Organisation.

Am Montag aber hat der Business Roundtable seine “Erklärung über den Zweck eines Unternehmens” aktualisiert, und so mancher reibt sich verwundert die Augen.

Das neue Mitgefühl der Bosse

“Wir wissen, dass sich viele Amerikaner abquälen”, schreibt der Vorsitzende der Organisation, JPMorgan-Chef Jamie Dimon, in seiner Einleitung. “Allzu oft wird harte Arbeit nicht belohnt, und es wird nicht genug dafür getan, damit sich Arbeiter an das hohe Tempo der Veränderungen in der Wirtschaft anpassen können.”

Die Firmen, deren Chefs beim Business Roundtable zusammenkommen, beschäftigen nach eigenen Angaben insgesamt 15 Millionen Menschen und haben einen Jahresumsatz von sieben Billionen (7000 Milliarden) US-Dollar.

Der Erfolg des Wirtschaftssystem beruhe darauf, dass alle vom Wachstum profitieren, so Dimon weiter. Sollten Firmen das nicht erkennen, würde das “berechtigte Fragen aufwerfen über die Rolle großer Arbeitgeber in unserer Gesellschaft”.

“Bemerkenswerte Kritik”

“Die explizite Kritik an der Shareholder-Value-Doktrin in diesem Statement ist bemerkenswert”, meint Florian Wettstein, Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen, gegenüber der DW. Die eigentliche Erklärung falle dagegen aber “eher eng und wenig progressiv aus”, so Wettstein weiter.

Dort heißt es jetzt: “Wir teilen eine grundsätzliche Verpflichtung gegenüber allen Akteuren.” Neben den Kunden seien dies die Angestellten, die “fair” zu bezahlen seien, die Zulieferer, mit denen “fair und ethisch” umgegangen werden solle, außerdem die Kommunen, deren Umwelt durch nachhaltige Praktiken zu schützen sei. Erst dann, an fünfter Stelle, erwähnt der Text die Aktionäre und verspricht ihnen “Transparenz und effektiven Dialog”.

“Alle diese Akteure sind wichtig”, schreiben die Unternehmer am Schluss und verpflichten sich, für jede dieser Gruppen Werte zu schaffen. Zu den 185 Unterzeichnern gehören neben Dimon, Bezos und Cook auch Bill McDermott, Chef des deutschen Softwarekonzerns SAP, sowie Lisa Davis, Chefin der US-Tochter von Siemens.

Profit, nichts als Profit

Der Text ist eine deutliche Abkehr von früheren Statements der Organisation, die stark von der Friedman-Doktrin geprägt waren. Der US-Ökonom und Nobelpreisträger Milton Friedman (1912-2006) hatte die Ansicht vertreten, Firmen seien ausschließlich ihren Aktionären verpflichtet.

Milton Friedman, Vordenker der Shareholder-Value-Doktrin

“Der Manager ist ein Vertreter jener, denen die Firma gehört. Ihnen gegenüber ist er in erster Linie verantwortlich”, schrieb Friedman 1970. Eine wie auch immer geartete “soziale Verantwortung” von Firmen lehnte er dagegen ab.

Viele Unternehmer und Manager teilten Friedmans Einschätzung, auch der Business Roundtable. Nur in Krisenzeiten rückten die offiziellen Statements der Organisation etwas von der Friedman-Doktrin ab. Firmen sollten “den Anteilseignern und auch der Gesellschaft insgesamt dienen”, lautete etwa die Formulierung in den frühen 1990er Jahren, als sich die US-Wirtschaft in einer Rezession befand.

“Die blödeste Idee der Welt”

Deutliche Kritik am Shareholder-Value-Prinzip war von aktiven Topmanagern allerdings kaum zu hören. “Genau genommen ist Shareholder Value die blödeste Idee der Welt”, sagte 2010 ausgerechnet Jack Welch in einem Interview. Zu der Zeit war er allerdings längst nicht mehr als Konzernlenker aktiv. Berühmt wurde Welch, weil er den US-Mischkonzern General Electric 20 Jahre lang extrem auf Profit, also Shareholder Value getrimmt hatte, bevor er 2001 die Unternehmensführung abgab.

Ob die geänderte Formulierung im Text der Unternehmenslobby Business Roundtable irgendeine Konsequenz hat, ist fraglich. “Reden kostet nichts”, so Adam Seth Litwin, Professor an der Cornell University im US-Bundesstaat New York, laut Nachrichtenagentur AP. “Die Frage ist doch, wie diese Chefs reagieren, wenn die Geschäfte mal nicht so gut laufen und die Aktionäre trotzdem ihre üblichen hohen Renditen fordern.”

Auch Wirtschaftsethiker Wettstein von der Uni St. Gallen erwartet kurzfristig kaum Veränderungen. “Dennoch sollte das Statement nicht isoliert, sondern im Lichte einer langfristigen, breiten Veränderung gesellschaftlicher Erwartungen an Unternehmungen interpretiert werden”, so Wettstein zur DW. So gesehen, könne der Text “durchaus einen gewissen Signalcharakter haben”.

Allianz für neue Werte

Die Shareholder-Value-Doktrin wurde auch deswegen so populär, weil sie sehr einfach messbar ist: Es reicht ein Blick auf den Aktienkurs. Konzepte wie “faire Bezahlung”, “Schutz der Umwelt”, “ethischer Umgang mit Zulieferern” sind nicht so einfach in Kennziffern zu übersetzen, die auch an der Börse verstanden werden.

Anleger an der Börse achten auf Kennzahlen, gesellschaftliche Werte spielen dabei bisher kaum eine Rolle

Genau daran arbeiten aber inzwischen einige deutsche Konzerne und Wirtschaftsprüfer. BASF, Bosch, SAP und andere haben einen Verein gegründet, der am Montag seine Arbeit aufgenommen hat. Die Werteallianz (“value balancing alliance e.V.) will Standards entwickeln, wie “Wertbeiträge für die Gesellschaft” in der Bilanz berücksichtigt werden können.

“Es geht darum, den Blickwinkel auf die Unternehmensleistung zu erweitern”, sagt Saori Dubourg, Mitglied des Vorstands der BASF SE. “Mit einem ganzheitlichen Werteverständnis möchten wir in der Bilanzierung umfassend die Auswirkungen auf die Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft berücksichtigen. Das Schaffen langfristiger Werte ist die Grundlage für nachhaltigen Geschäftserfolg.”

Vorläufer der Werteallianz ist ein runder Tisch mit Vertretern von rund 30 deutschen Unternehmen. Seit 2015 suchte diese Runde nach Wegen, gesellschaftliche Wertbeiträge zu beziffern.

Bis das gelingt und dann auch umgesetzt ist, wird aber noch Zeit vergehen. Und erst wenn die neuen Konzepte zur Bilanzierung auch Eingang in die internationalen Bilanzierungsstandards IFRS gefunden haben, können sie auch international Anwendung finden.