“Viele sprechen von nachhaltigen Reisen – tun es aber nicht”

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Der Klimawandel ist in den Köpfen angekommen. Aber auf den Urlaubsflug oder die Kreuzfahrt will trotzdem fast niemand verzichten. Eine CO2-Steuer könnte das ändern, sagt Tourismusexperte Wolfgang Günther.

DW: Europa hat den zweiten Rekordhitze-Sommer in Folge hinter sich. Verbringen wir bald alle unsere Ferien nur noch in die kühleren Wälder Skandinaviens, während die Strände in Südeuropa verwaisen?

Wolfgang Günther: Nein, denn erst einmal gibt es keine präzisen Vorhersagen darüber, was der nächste Sommer bringen wird. Die Leute wissen aus Erfahrung, dass das Wetter im Norden auch mal unbeständig und regnerisch sein kann und dass man im mediterranen Bereich höchstwahrscheinlich stabiles warmes Badewetter hat. Es spielen aber auch viele andere Faktoren in die Reiseentscheidungen mit hinein. Angefangen von Erzählungen von Freunden und Bekannten über Artikel in den Zeitungen bis hin zu eigenen Reiseerfahrungen und Erwartungen. Das Wetter ist also nur ein Entscheidungsfaktor von vielen. Das ist wichtig zu wissen, um diesen Faktor nicht zu überschätzen. Gebucht wird ein Urlaubsziel nicht wegen des zu erwartenden Wetters im nächsten Sommer oder Winter, sondern aufgrund des Bildes, was die Urlauber von der Destination im Kopf haben.

Aber gibt es Urlaubsziele, die vom Klimawandel essentiell bedroht sind?

Da ist tatsächlich die Frage, wie weit Sie in die Zukunft schauen wollen. Bisher haben wir natürlich Klimaveränderungen feststellen können, aber das Reiseverhalten hat sich, wenn überhaupt, nur marginal verändert. Das erwarten wir auch für die nächsten 20 Jahre nicht viel anders. Es gibt natürlich Ausnahmen, vor allem wenn man auf die lokale Ebene und einzelne Zweige des Tourismus schaut. Wir gehen davon aus, dass Extremwetterereignisse zunehmen. Die treffen schon jetzt manche touristische Infrastruktur empfindlich. Denken Sie nur an einen Nationalpark, der als touristisches Produkt vor allem Wandertouren anbietet. Jetzt kommt Starkregen und spült dort die Wanderwege weg. Die Parks und die touristischen Anbieter dort haben dann Umsatzeinbußen, müssen viel Geld für Reparaturen in die Hand nehmen und der Kunde ist verärgert. Das passiert so schon heute und wir gehen davon aus, dass es in Zukunft mehr wird.

Und wie sieht es an den Küsten aus?

Wir erwarten bis zum Ende des Jahrhunderts einen Anstieg des Meeresspiegels um etwa einen Meter – und das sind vorsichtige Schätzungen. Das bedeutet, dass die Strände sich verändern werden. Touristische Infrastruktur muss dann besser gesichert werden beziehungsweise Tourismusregionen müssen sich überlegen, ob sie bei einem solchen Anstieg des Meeresspiegels ihre Infrastruktur so überhaupt noch erhalten können und wollen.

Sie kommen gerade selbst aus dem Urlaub zurück. Haben Sie bei der Vorbereitung auf die Klimaverträglichkeit Ihrer Reise geachtet?

Ja, ich bemühe mich da um Konsequenz. Wir haben eine Hütten-Wandertour in Norwegen gemacht. Letztes Jahr waren wir in Schweden und haben eine gute Zugverbindung buchen können. Dieses Jahr hat das leider nicht geklappt, wir mussten mit dem Auto fahren. Aber wir haben den Wagen immerhin mit fünf Personen beladen und die Oma gleich mit eingepackt [lacht]. Fliegen kommt für uns als Familie nicht in Frage, und das Auto nehmen wir auch nur, wenn es gar nicht anders geht.

Wolfgang Günther ist Biologe und Experte für nachhaltiges Reisen

Damit sind Sie sicher ein Vorbild für viele Menschen. Eine Mehrheit der Deutschen nimmt den Klimawandel sehr ernst. Dennoch sind die meisten, wenn es um die eigene Urlaubsreise geht, nicht bereit dazu sich einzuschränken.

Naja, ob ich ein Vorbild bin, weiß ich nicht. Aber das Phänomen, das Sie ansprechen, haben wir tatsächlich untersucht. Rund 60 Prozent der Deutschen sagen, sie möchten nachhaltig reisen – tun es aber meist dann doch nicht. Das liegt aber nicht unbedingt daran, dass ihnen Nachhaltigkeit unwichtig wäre, sondern wie eingangs erwähnt daran, dass für dieReiseentscheidung viele Faktoren entscheidend sind. Das Thema Nachhaltigkeit ist da eines von vielen. Aber man macht ja keine Reise um die Umwelt zu schonen oder die Arbeitsbedingungen für Menschen im Tourismusgewerbe zu verbessern. Die Intention ist doch vielmehr Neues zu entdecken, sich zu entspannen, schöne Erlebnisse haben. Und für viele soll die Reise zusätzlich auch nachhaltig sein. Aber in der Summe wägt der Urlauber ab. Bei den meisten fallen die Reisen dann eben noch nicht so nachhaltig aus. 

Sie sprechen viel vom “nachhaltigen Reisen”. Was heißt das überhaupt konkret?

Die Frage nach diesem Maßstab lässt sich unterschiedlich beantworten. Da kommt es darauf an, was für jemanden individuell wichtig ist. Momentan steht die CO2-Bilanz zu Recht sehr im Vordergrund, und da macht den Löwenanteil die An- und Abreise aus. Dann spielen natürlich auch Mobilität, Aktivität und Unterbringung vor Ort eine Rolle, wenn auch im Vergleich zur An- und Abreise eine recht kleine. Fahre ich mit dem Auto herum oder gehe ich wandern? Schlafe ich im Fünf-Sterne-Hotel oder in einer kleinen Hütte? Gehe ich in den Vergnügungspark oder in die Natur? Das sind alles Dinge, die in den ökologischen Fußabdruck mit reinspielen. Was die Sozialverträglichkeit angeht, fängt es schon bei der Buchung an. Buche ich über eine Kette oder möchte ich lokale Anbieter fördern? Kaufe ich dann vor Ort regionale Bio-Produkte ein oder ist mir das egal? Aber die nachhaltige Reise gibt es nicht als eingetragenes Markenzeichen mit festgelegtem Inhalt, sondern das hängt immer davon ab, welche Aspekte der Nachhaltigkeit für Anbieter bzw. Reisende im Vordergrund stehen.

Und was müsste nun passieren, damit wir alle nachhaltiger reisen?

Wenn wir Nachhaltigkeit über die CO2-Bilanz berechnen, dann sind wir bei den Diskussionen, die wir bereits führen. Wir müssten eine CO2-Steuer erheben, CO2-Emissionen teurer machen. Dadurch würde energieintensives Reisen teurer und damit auch unattraktiver. Auch beim Aspekt Angebot und Auffindbarkeit nachhaltiger Reisen ist noch Luft nach oben. Man könnte diese Angebote fördern und Anreize für klimafreundliche Modernisierungen schaffen. Gleichzeitig müssen die Konsumenten sich klarmachen, welche Kriterien ihre Reise erfüllen soll und mehr Zeit in Recherche investieren, um nachhaltigere Reisevarianten zu finden. Und vor Ort sollten sie dann die Betriebe auf den Aspekt Nachhaltigkeit ansprechen, damit die merken, dass das Thema dem Kunden wichtig ist.

 

Wolfgang Günther ist Biologe. Er ist Leiter des Bereichs “Nachhaltigkeit im Tourismus” sowie Prokurist des Institut für Tourismus und Bäderforschung in Nordeuropa (NIT) in Kiel. Weiter unten finden Sie weiterführende Informationen zu Auswirkungen des Klimawandels auf den Tourismus sowie Tipps für nachhaltigeres Reisen.

 

Das Interview führte Felix Schlagwein.