Steht Argentinien wieder vor der Staatspleite?

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Auf das Ergebnis der Vorwahlen in Argentinien haben die Finanzmärkte drastisch reagiert. Aktienmärkte und Währung stürzten zunächst dramatisch ab. Die Angst vor einem Schuldenschnitt macht unter Investoren die Runde.

In Argentinien ist ein Machtwechsel wahrscheinlicher geworden. Das hat zu Wochenbeginn zu heftigen Turbulenzen an den Finanzmärkten des Landes geführt. Am Aktienmarkt fielen die Bewertungen der Unternehmen drastisch, der Leitindex S&P Merval brach am Montag in Buenos Aires um rund 30 Prozent ein. In Dollar gerechnet liegen die Verluste sogar bei fast 50 Prozent. Es ist der zweitgrößte Absturz eines Aktienmarktes weltweit seit 1950. Auch die argentinische Währung, der Peso, ist im Nachgang der Vorwahlen gegenüber dem Dollar abgestürzt.

Damit haben Investoren an den Finanzmärkten auf das überraschend deutliche Ergebnis der Präsidentschafts-Vorwahlen reagiert. Am Sonntag hatte nämlich der amtierende Staatschef Mauricio Macri eine herbe Schlappe einstecken müssen. Die Vorwahlen dienen zum Bereinigen des Bewerberfeldes – und sie gelten als wichtiger Stimmungstest für die eigentliche Präsidentschaftswahl in zwei Monaten.

Am Dienstag allerdings erholte sich der Merval-Index und konnte zumindest eine weitere Talfahrt verhindern.

Amtsinhaber Mauricio Macri und sein Herausforderer Alberto Fernandez

Die Rückkehr der Peronisten

Macri war nach Auszählung der Stimmen am Sonntag deutlich hinter seinem Rivalen Alberto Fernandéz geblieben. Fernandéz kommt aus dem peronistischen Mitte-Links-Lager. Und seine Mitstreiterin und Vizekandidatin ist Argentiniens Ex-Präsidentin Christina Kirchner. Sie und Fernandéz kamen auf 47 Prozent der Stimmen, während Mauricio Macri und sein Vize-Kandidat nur 32 Prozent der argentinischen Wählerinnen und Wähler hinter sich bringen konnten.

Damit ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Fernandéz und Kirchner es gleich im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen an die Macht schaffen könnten. “Kirchners damalige Regierungsbilanz war nicht die beste. Und nun ist bei Investoren die Sorge groß, dass erneut Umschuldungen zur Debatte stehen”, sagt Mauricio Vargas von Union Investment. Umschuldung ist in diesem Fall die höfliche Umschreibung von Schuldenschnitten, bei denen Investoren mindestens einen Teil ihres eingesetzten Kapitals verlieren könnten.

Erfahrung hat zumindest Christina Kirchner mit solchen Plänen. Denn in ihre Amtszeit fällt der Kampf gegen Anleihebesitzer, die sich nicht an staatlichen Umschuldungen beteiligen wollten. Deswegen wird ihr – im Gegensatz zu Macri – ein ausgesprochen angespanntes Verhältnis zu ausländischen Investoren nachgesagt. “Man kann aus Kapital- und Anlegersicht nur hoffen, dass das bildlich gesprochen nicht in einem Blutbad endet, bei dem man die internationalen Investoren über die Klinge springen lässt”, sagt Mauricio Vargas.

Regierung Macri im Teufelskreis

Argentinien steckt schon seit längerem in einer schweren wirtschaftlichen Krise. Zwar wird vor allem mit Kirchners Präsidentschaft auch der wirtschaftliche Niedergang des Landes in Verbindung gebracht. Ihrem liberalen Nachfolger Macri ist es aber in den vergangenen vier Jahren nicht gelungen, Argentinien aus dem wirtschaftlichen Tal zu führen.

In den vergangenen zwölf Monaten lag die Inflation bei rund 40 Prozent, Arbeitslosigkeit und Armut in der Bevölkerung sind gestiegen. Dabei hatte der als wirtschaftsliberal geltende Mauricio Macri einen Wandel zum Besseren versprochen. “Macri hat versucht, einiges zu ändern”, meint Mauro Toldo von der Deka Bank. “Aber er hat auch große Einsparungen vornehmen müssen – und das hat negative Auswirkungen auf die Wirtschaft gehabt.”

Nach zwei Währungskrisen hatte die Regierung unter Macri im vergangenen Jahr beim Internationalen Währungsfonds ein Darlehen in Höhe von umgerechnet gut 50 Milliarden Dollar beantragt. Das Geld soll bis Ende 2021 zur Stabilisierung des Landes dienen. Im Gegenzug hatte Macri Sparmaßnahmen angekündigt.

Gefahr einer Staatspleite drastisch gestiegen

Mit dem wahrscheinlichen Kurswechsel einer möglichen neuen Regierung und der drastischen Unsicherheit an den Finanzmärkten steht eine mögliche Staatspleite Argentiniens wieder im Raum; zumindest aber ist deren Wahrscheinlichkeit deutlich gestiegen. Abzulesen ist das an Absicherungen gegen den Zahlungsausfall von argentinischen Staatsanleihen.

Der Datenanbieter Markit teilte am Dienstag mit, dass die Absicherung von solchen Anleihepaketen sich seit Freitag verdoppelt und den höchsten Stand seit fünf Jahren erreicht hat. Dies deute darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit einer Staatspleite an den Finanzmärkten auf über 72 Prozent beziffert wird.

“Die Verschuldung ist sehr hoch und man merkt, dass das Vertrauen der Investoren nicht mehr vorhanden ist”, sagt Mauro Toldo. “Das heißt, man kommt sehr schnell in eine sehr negative Dynamik, in der die Finanzierung sich dann erschwert. Das kann das Land dann in die Knie zwingen. Das muss nicht so sein. Aber im Moment sieht es ganz danach aus.”