Westafrika bleibt die Luft weg

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Fast acht Millionen Menschen sterben vorzeitig an Krankheiten, die durch Luftverschmutzung ausgelöst werden. Wird in Europa die Qualität der Luft genau unter die Lupe genommen, fehlt es in Afrika an konkreten Daten.

“Bei diesen Abgasen hast du das Gefühl, Drogen zu inhalieren”, sagt Johannes. Er ist Journalist in Cotonou, der Hauptstadt Benins. Johannes leidet an Asthma: “Es reicht, dass ich fünf Minuten lang an einer Ampel stehe und ein bisschen Auspuffabgase einatme, und schon bekomme ich einen Asthmaanfall”, erzählt er. Es sei schwierig, in Cotonou zu leben – vor allem für Menschen, die an Atemwegs- oder chronischen Krankheiten leiden.

Dies kann Professor Peter Knippertz vom Karlsruher Institut für Meteorologie und Klimaforschung bestätigen. Zusammen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus 16 Institutionen in Afrika und Europa ist er der Frage nachgegangen: “Wie schlecht ist die Luft tatsächlich über dem südlichen Westafrika – und woran liegt das?” Die Konzentration an Schmutzpartikeln liege auf jeden Fall oberhalb der Richtwerte der Weltgesundheitsorganisation, sagt Knippertz. Für die Studie hat das Team unter anderem Messstationen in Cotonou und in Abidjan, der Hauptstadt der Elfenbeinküste, aufgebaut. Auch dort leidet die Bevölkerung an der schlechten Qualität der Luft. Ruth Estelle studiert Personalwesen und Kommunikation in Abidjan. Die 21-Jährige glaubt, dass die Verschmutzung verschiedene Ursachen hat: “Da sind zunächst die Taxis, der Verkehr – aber auch der Müll, der überall hingeworfen wird, trägt zur Luftverschmutzung bei.”

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Über fünf Jahre wurden Messungen erhoben

“Schon die Allerkleinsten sind erheblichen Schadstoffbelastungen ausgesetzt”

Eine weitere Quelle, die selten bedacht wird, sind die Feuerstellen, auf denen gekocht wird. Dabei seien gerade diese besonders gefährlich, sagt Peter Knippertz im Gespräch mit der DW. Die Studie habe gezeigt, dass die Belastung durch Schmutzpartikel in der Luft im Haus um die Feuerstellen herum erwartungsgemäß besonders hoch sei. Das Ausmaß der Belastung habe den Meteorologen dann aber doch überrascht. Besorgniserregend sei dies, weil das Kochen eine tägliche Handlung sei. Außerdem spielten die Kinder oft in der Nähe der Feuerstellen, sagt Knippertz: “Es ist erschreckend, zu sehen, dass schon die Allerkleinsten von ihren ersten Tagen an erheblichen Schadstoffbelastungen ausgesetzt sind.” Besonders gravierend ist das wegen des feuchten Klimas an der Küste. Wenn Brennstoffe nicht richtig trocken sind, entsteht eine höhere Rauchbelastung. 

Alltagsszene, die es in sich hat: Die gesundheitlichen Folgen durch offene Feuerstellen sind enorm

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kochen und heizen rund drei Milliarden Menschen weltweit mit offenen Kaminen und einfachen Öfen, die Holz, Tiermist, Pflanzenabfälle oder Kohle verbrennen. 7,8 Millionen Menschen würden vorzeitig an Krankheiten sterben, die direkt oder indirekt auf die Luftverschmutzung durch das Kochen mit diesen Brennstoffen zurückzuführen seien. Bei Kindern sei die Gefahr am größten: “Mehr als 50 Prozent der vorzeitigen Todesfälle durch Lungenentzündung bei Kindern unter fünf Jahren werden durch die Partikel verursacht, die sie durch die Luftverschmutzung in den Haushalten einatmen”, schreibt die WHO in ihrem aktuellen Bericht über Luftverschmutzung in Afrika.

Mehr Verschmutzung, weniger Regen

Trotz der WHO-Daten und seiner eigenen Forschung, die fünf Jahre lief, findet Peter Knippertz die Datenlage nach wie vor viel zu dünn. Die interdisziplinäre Studie sei die erste dieser Art gewesen. Dabei wurde nicht nur der direkte Kontakt zwischen Mensch und Schadstoff untersucht. Es wurden auch die Wechselwirkungen zwischen Luftverschmutzung und Wetter aufgezeigt. Denn die Partikel in der Atmosphäre verändern die Beschaffenheit der Wolken – was sich wiederum auf die Sonneneinstrahlung und infolge dessen auf die Temperatur auswirkt. Eine Trendanalyse zeige erste Anzeichen dafür, dass durch eine hohe Konzentration an Schmutzpartikeln in der Luft die Niederschläge nachlassen könnten. “Das wäre für die Leute eine extrem schlechte Nachricht, dass zu den gesundheitlichen Belastungen, die die Schadstoffe bringen, auch noch eine Reduktion des Niederschlags käme”, sagt der Meteorologe. Hier seien aber dringend weitere Forschungen nötig.

Die Forscher konnten Luftveränderungen auch in größeren Höhenlagen feststellen

Nicht nur lokale Faktoren verschmutzen die Luft an der Südküste Westafrikas. Mithilfe von Flugzeugen konnten die Wissenschaftler um Knippertz die sogenannte Hintergrundverschmutzung der Region messen: “Wir haben festgestellt, dass der starke Monsunwind, der vom Süden her über den tropischen Atlantik in Richtung Westafrika weht, erhebliche Rußpartikel aus den Feuern in Zentralafrika mit sich bringt.” Diese Rußpartikel entstehen durch Feuer bei der Landrodung. Immerhin sei die Luftverschmutzung durch Gase im südlichen Westafrika noch niedriger als in Europa, so Knippertz. Dies ist laut seinen Untersuchungen vor allem darauf zurückzuführen, dass dort proportional weniger Menschen ein Auto besitzen.

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Rußpartikel – hier in Port Harcourt, Nigeria – kommen sogar aus Zentralafrika über den Golf von Guinea

Verbesserungen sind möglich

Dennoch setzen nicht zuletzt die Autoabgase den Menschen in Westafrika stark zu. Das sagt auch Cynthia, die in Cotonou als Sekretärin arbeitet: “All das macht uns krank. Es führt zu Erkältung, Husten oder Atembeschwerden.” Cynthia graut schon vor dem Ende der Sommerpause. “Dann wird es noch mehr Motorräder, noch mehr Autos auf den Straßen geben. Unsere Kinder sind dem ausgesetzt – das ist ein Gesundheitsrisiko.” Auch wenn die Gaskonzentration in der Luft in Westafrika unterhalb der Grenzwerte liegt, sind die Verkehrsabgase problematisch. Denn die Kraftstoffe werden schlechter gefiltert als in Europa und enthalten dadurch mehr Schwefel, der gesundheitsgefährdend ist. Das sei im Grunde durch Filterung aber leicht zu beheben, sagt Knippertz. Um die Situation weiter zu verbessern, schlägt er außerdem vor, die Brennstoffe in den Küchen zu wechseln. Man müsse dringend beginnen, mit Gas oder elektrisch zu kochen. Dies seien Verbesserungen, die auf lokaler Ebene relativ schnell umgesetzt werden könnten. Wichtig sei aber auch, die Landrodung durch Feuer in Zentralafrika aufzugeben.

Mitarbeit: Claire-Stéphane Sacramento und Julien Adayé