Auf den Spuren jiddischen Erbes: “The Weimar Republic of Yiddishland”

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Der Yiddish Summer Weimar ist das bedeutendste jiddische Kultur-Event weltweit. Das Festival in der Stadt Goethes und Schillers lässt die kreativste Phase jüdischer Künstler in der Weimarer Republik wieder aufleben.

Seit 20 Jahren erinnert der Yiddish Summer Weimar (YSW) an die Vitalität und Tradition jiddischer Kultur – insbesondere der Musik, die einst eine Schlüsselrolle im kulturellen Lebens Europas einnahm. 

Im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Berlin zur inoffiziellen Hauptstadt einer Art jüdischer Kulturrepublik, die sich quer über Europa von Russland bis Frankreich erstreckte. Das Geflecht von jiddisch-sprachigen Kabaretts, Theatern, Literaturkreisen, Bildungsstätten und sogar jüdischer Arbeiterverbände fügte sich nahtlos in den allgemeinen Kulturreigen und die damalige Gesellschaft der Weimarer Republik ein. 

Das Ziel der Nazis nach der sogenannten “Machtergreifung” 1933 war es, dem ein für alle Mal ein Ende zu setzen – ohne Erfolg: Dem ‘Jiddischland’ wird in Weimar neues Leben eingehaucht. Und das in der Stadt, die man mit den Ikonen der Deutschen Romantik und der klassischen Literatur verbindet: Goethe und Schiller. 

1000 Jahre Kulturgeschichte

“The Weimar Republic of Yiddishland” ist das Thema des YSW 2019, der in diesem Jahr vom 12. Juli bis zum 17. August stattfindet. Im Fokus steht die Blütezeit der jiddischen Kreativität, die vor der Machtübernahme der Nazis 1933 in Deutschland und ganz Europa ihren Höhepunkt erreichte.

“Jüdische Künstler waren in der Weimarer Zeit in allen Bereichen der Kultur vertreten und äußerst populär, ob in der Literatur oder in klassischer Musik und Popmusik, im Theater, Film, Kabarett,  in der bildenden Kunst und sogar beim Modern Dance”, so Alan Bern, Leiter des YSW-Festivals, gegenüber der DW. 


  • Jüdische Komponisten, die während des Holocaust ermordet wurden

    Erwin Schulhoff

    Der 1894 in Prag geborene Erwin Schulhoff war ein Schützling von Antonín Dvořák. “Er sah in Schulhoff das nächste große Versprechen der europäischen Musikszene”, sagt Amit Weiner, Gründer des Projekts “Music in Times of Tragedy”. “Seine Musik verband viele Avantgarde-Stile mit Jazz.” Schulhoff war Professor für Musik in Prag, bevor er 1942 in einem Konzentrationslager ermordet wurde.


  • Jüdische Komponisten, die während des Holocaust ermordet wurden

    Gideon Klein

    Er war der jüngste jüdische Komponist, der während des Holocaust ermordet wurde. Klein war 26 Jahre alt, als er im Nebenlager Fürstengrube bei Auschwitz ums Leben kam. Sein Werk verbindet jüdische Themen mit modernen Kompositionstechniken. 1940 wurde ihm ein Stipendium an der Royal Academy of Music in London angeboten. “Das hätte sein Leben retten können, aber er durfte nicht reisen”, so Weiner.


  • Jüdische Komponisten, die während des Holocaust ermordet wurden

    Hans Krasa

    “Ich finde es interessant, dass die Musik von Krasa so glücklich und optimistisch ist. Auch die Musik, die er in Theresienstadt schrieb, ist sehr lebendig”, sagt Weiner über den tschechischen Komponisten und Autor der Kinderoper “Brundibar”. Krasa starb 1944 in Auschwitz. “Selbst in solch dunklen Zeiten und unter schrecklichen Bedingungen hatte er Hoffnung und blickte optimistisch in die Zukunft.”


  • Jüdische Komponisten, die während des Holocaust ermordet wurden

    Ilse Weber

    Die tschechische Schriftstellerin hatte mehrere Märchenbücher in deutscher Sprache veröffentlicht, bevor sie 1942 nach Theresienstadt gebracht wurde. Weber begann Lieder zu schreiben, als sie im Kinderkrankenhaus des Lagers arbeitete. Ihre Musik überlebte dank ihres Mannes Willi, der ihre Lieder nach dem Krieg wiederentdeckte. Ilse und ihr gemeinsamer Sohn Tommy wurden 1944 in Auschwitz ermordet.


  • Jüdische Komponisten, die während des Holocaust ermordet wurden

    Mordechai Gebirtig

    “Er war kein professioneller Musiker, sondern ein Zimmermann, der nicht einmal Noten lesen konnte. Die Lieder, die er komponierte, wurden von seinem Freund, einem Uhrmacher, aufgeschrieben”, sagt Weiner über Gebertig, der heute einer der beliebtesten Singer-Songwriter in Israel ist. Der polnische Komponist starb 1942 im Krakauer Ghetto.


  • Jüdische Komponisten, die während des Holocaust ermordet wurden

    Pavel Haas

    Vor seiner Deportation nach Theresienstadt schrieb Pavel Haas Filmmusiken und Stücke für Orchester. Er zerstörte viele seiner Werke selber. “Anfangs war er sehr deprimiert, doch Komponisten wie Gideon Klein oder Hans Krasa ermutigten ihn, weiterzuschreiben”, berichtet Weiner. In Theresienstadt komponierteHaas herausragende Werke. Er wurde 1944 in Auschwitz ermordet.


  • Jüdische Komponisten, die während des Holocaust ermordet wurden

    Viktor Ullmann

    “Wenn er nicht eingesperrt und 1944 in Auschwitz ermordet worden wäre, wäre er sicher einer der wichtigsten musikalischen Kräfte des 20. Jahrhunderts geworden”, sagte Amit Weiner über den österreichischen Komponisten, der vor dem Krieg zum Dirigenten der Staatsoper Prag ernannt worden war. Die drei Jahre, die er in Theresienstadt verbrachte, waren paradoxerweise die produktivsten seiner Karriere.

    Autorin/Autor: Jan Tomes (pl)


Auch in der Architektur und der Philosophie gibt es berühmte Juden, die weltweit großen Einfluss hatten. Dazu zählen u. a. Walter Gropius, der vor 100 Jahren das “Bauhaus” gründete,  und die Philosophin und Politologin Hannah Arendt oder Theodor Adorno, bekannt durch die Frankfurter Schule.

Die zahlreichen Buchverlage und Musikproduzenten, die zu Zeiten der Weimarer Republik in Berlin wirkten – die Integration der jiddischen Sprache in den internationalen P.E.N-Club unter den Namen “Jiddischland” inklusive -, waren das Ergebnis der tausendjährigen Geschichte des Jiddischen in Deutschland.

“Tatsächlich war die jüdische Präsenz in der Kultur der Weimarer Zeit so stark, dass sie unweigerlich eine Reaktion der Nazis hervorrief”, sagt Alan Bern. Wenn er nicht beim YSW die Fäden zieht, arbeitet der US-Amerikaner als Komponist, Akkordeonspieler und Kulturaktivist. Seit 1987 ist er in Berlin zu Hause. 

Die Nazis verschmähten die Weltoffenheit der jüdischen Kultur und “machten sie zu einem wesentlichen Punkt ihrer nationalistischen, antisemitischen Propaganda”, fügt Alan hinzu. Nachdem Hitler 1933 an die Macht gekommen sei, habe er sehr bald einen politischen Kurs gefahren, der “Juden aus der deutschen Kulturszene ausschloss.” 

Um in aller Deutlichkeit zu zeigen, wie die jüdische Kultur trotzdem überlebt hat und jetzt wieder erneut globale Bedeutung erlangt, werden beim YSW zehn neue internationale Musik- und Theaterproduktionen Premieren feiern. Diese Werke sprengen längst die Grenzen traditioneller Klezmer-Bands. 

Alan Berns Mission, die jiddische Kultur wiederzubeleben, trägt Früchte

Die Revolution des Kabaretts 

So steht die Weltpremiere der einzigen erhaltenen jiddischen Oper Europas “Bas-Sheve” in einer Orchesterfassung auf dem Programm. Komponiert von Henech Kon, wurde sie 1924 in Warschau uraufgeführt, allerdings nur mit Klavierbegleitung. Fast ein Jahrhundert später wird das “Triangle Orchestra”, bestehend aus 30 jungen Musikern aus ganz Europa, die Oper wieder zum Leben erwecken. Sie erzählt die biblische Geschichte von König David und Batseba.

Ein anderes Highlight ist das “Café Cosmopole”, ein Musiktheater mit Originalmusik des jiddischen Duos “Tsvey Brider” (“Zwei Brüder”). Anthony Mordechai Tzvi Russell singt und Dmitri Gaskin spielt dazu Akkordeon und Klavier. Mit Hilfe von Synthesizern erschaffen sie einen Klangteppich zu den Worten jiddischer Dichter und Schriftsteller, die zwischen den beiden Weltkriegen die Cafés in Berlin, Odessa und Warschau bevölkerten, wo jüdische Kommunisten, Sozialisten, Zionisten, Emigranten und die Bohème Hof hielten. 

Sasha Lurje hat ein Klezmer-Festival mit ins Leben gerufen

Sasha Lurje tritt regelmäßig beim YSW auf und ist eine der Mitbegründerinnen des Festivals “Shtetl Neukölln”, wo einmal im Jahr die lokale Klezmer-Szene feiert. Die gebürtige Lettin nimmt dieses Jahr an verschiedenen jiddischen Musikworkshops beim YSW teil. Darüber hinaus singt sie bei der Premiere von “Baym Kabaret Yitesh” mit – eine Wiederaufnahme des jiddischen grenzüberschreitenden Warschauer Kabaretts aus den 1920er Jahren.

Michael Wex, Bestsellerautor der Tageszeitung “New York Times” und Experte des Jiddischen, steckt hinter dieser revolutionären und avantgardistischen Wiederaufnahme des “expressionistischen Experiments”, das das jiddische Kabarett in Polen ausmachte und das sich in ganz Europa ausbreitete.

Die Schatten der Vergangenheit 

Die Renaissance der jiddischen Kultur findet ironischerweise in der Nähe des Konzentrationslagers Buchenwald statt, das 1937 von den Nazis erbaut wurde. Unter den 56.000 ermordeten Gefangenen dort waren 11.000 Juden.  “Dass wir nur ein paar Kilometer von Buchenwald entfernt sind, erinnert uns jeden Tag daran, wie wichtig unsere Mission ist”, sagt Festivalleiter Alan Bern. 

Der Yiddish Summer Weimar gilt als bedeutendstes jüdisches Kultur-Event weltweit.

“Die systematische Ermordung von Millionen Juden bedeutete, dass die lebendige kulturelle Basis, aus der die zeitgenössische jiddische Kultur entstand, verschwand,” fügt er hinzu. Und merkt außerdem an, dass diese Jahrtausende alte jiddische Kultur auch vom Staat Israel nicht mehr anerkannt wird und durch eine “neue kulturelle Identität für Juden” ersetzt wurde.

Einen Teil des verlorenen Kulturgutes wird Rapper Josh Dolgin beim YSW wieder aufleben lassen. “Arestantnlider: Hearing Unheard Voices” heißt sein Konzert, “ungehörte Stimmen hören”.  Einfluss auf seine Musik hatten ethnografische Aufnahmen von osteuropäischen, jüdischen Gefangenen, die während des Zweiten Weltkrieges in deutschen Kriegsgefangenenlagern eingesperrt waren. 

Bern glaubt, dass der Beitrag von Jiddisch-sprechenden, jüdischen Künstlern an der allgemeinen Kultur- und Kunstszene solche Revivals noch wichtiger macht. Der zentrale Wert des YSW sei, so Bern, dass die reiche Tradition wieder zu einer “Quelle der Inspiration und Ideen für alle zeitgenössischen Künstler, jüdisch oder nicht”, wird. 

Der Yiddish Summer Weimar findet noch bis zum 17. August 2019 an verschiedenen Orten in Weimar statt.