Neuer Mann in Gelb: Giulio Ciccone

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Führungswechsel bei der Tour de France: Der Italiener Guilio Ciccone löst den Franzosen Julian Alaphilippe ab. Der gnadenlose Schlussanstieg der sechsten Etappe bringt nicht nur diese beiden Radprofis an ihre Grenzen.

Der Italiener Giulio Ciccone fährt jetzt im Gelben Trikot

Er holte das Letzte aus sich heraus. Der Mann in Gelb, Julian Alaphilippe, wuchtete sein Rennrad die letzte Steigung vor dem Ziel hinauf – bis zu 24 Prozent steil. Jeder normale Radfahrer wäre dort längst abgestiegen. Und auch die Profis waren an ihrer Grenze. Sie kamen kaum noch von der Stelle, mit letzter Kraft hielten sie ihre Ränder in Fahrt, die von rechts nach links schwankten. Kaum hatten die Fahrer entkräftet den Zielstrich überquert, wurden sie von Helfern aus dem Weg geschoben.

Diese letzten Meter in La Planche des Belles Filles hatten es wirklich in sich. Zum vierten Mal seit 2012 war der 1140 Meter hohe Berg in den Vogesen Zielort der Tour de France. Diesmal jedoch hatten sich die Organisatoren der Frankreichrundfahrt noch ein besonderes Schmankerl ausgedacht: An den ohnehin schon bis zu 20 Grad steilen Schlussanstieg hängten sie eine 800 Meter lange, extrem steile Schotterpiste an – und das nach 160 Kilometern, mit insgesamt sieben Bergwertungen.

Tagessieg für Dylan Teuns

Am Ende war aller Einsatz Alaphilippes vergebens. Er wurde Sechster. Sechs Sekunden fehlten dem 27 Jahre alten Franzosen, um das Gelbe Trikot zu verteidigen, das er drei Tage zuvor unter dem Jubel seiner Landsleute in der Champagne erobert hatte.

Julian Alaphilippe gab alles, am Ende fehlten dem Franzosen sechs Sekunden

Neuer Spitzenreiter in der Gesamtwertung ist der Italiener Giulio Ciccone. Dabei hatte der 24-Jährige im Ziel zunächst frustriert den Kopf geschüttelt, hatte er doch gerade das Duell um den Tagessieg – von einem Sprint konnte man diesem Anstieg nun wirklich nicht sprechen – gegen den Belgier Dylan Teuns verloren. Die sechs Sekunden Zeitgutschrift für Platz zwei sind exakt jene sechs Sekunden, die Ciccone jetzt in der Gesamtwertung vor Alaphilippe liegt, dem Publikumsliebling der Franzosen. Zuvor hatte Ciccone weitere acht Sekunden Bonus eingefahren, als er die vorletzte Bergwertung für sich entschieden hatte.

Starke Leistung Emanuel Buchmanns

Die Favoriten auf den Gesamtsieg bei der diesjährigen Tour gaben sich keine Blöße. Vorjahressieger Geraint Thomas aus Großbritannien wurde Vierter der Etappe. Der Franzose Thibaut Pinot, der aus der Gegend des Zielorts stammt und dessen Namen seine Fans in kurzen Abständen dutzendfach auf die Straße gemalt hatten, belegte den fünften Rang vor Alaphilippe. Der Kolumbianer Nairo Quintana wurde Siebter, der Däne Jakob Fuglsang Neunter, der Spanier Mikel Landa den neunten Platz.

Anschubhilfe nach der Zieldurchfahrt – auch für Tagessieger Dylan Teuns

Eine starke Leistung zeigte Emanuel Buchmann, die deutsche Hoffnung auf einen Top-Ten-Platz bei der diesjährigen Tour: Der 26-Jährige wurde Achter und verbesserte sich in der Gesamtwertung vom 29. auf den zwölften Rang. “Der Schlussanstieg lag mir eigentlich nicht, weil er so unrhythmisch war”, sagte Buchmann im Ziel. “Aber wenn man gut drauf ist, läuft es halt. Man hat immer die Hoffnung, dass es noch besser läuft. Aber mit den Top Ten war ich schon zufrieden.” Buchmann lag in der Tageswertung sogar vor Supertalent Egan Bernal. Der 22 Jahre alte Kolumbianer wurde Zwölfter.


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    8 Romain Bardet (Ag2r La Mondiale)

    Die Hoffnungen wiegen schwer auf den schmalen Schultern des Romain Bardet. Der schlaksige Kletterer soll die lange Durststrecke der Franzosen bei der Tour beenden. In den letzten Jahren sah es so aus, als käme er diesem Ziel näher. Doch aktuell fährt Bardet, der einen Uni-Abschluss in Management besitzt, seiner Form und den Gegnern hinterher. Prognose: Verliert im Zeitfahren zu viel Zeit.


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    7 Adam Yates (Mitchelton-Scott)

    “Wir haben unterschiedliche Wege genommen, sind uns aber sehr nah und sprechen täglich miteinander”, sagt Adam Yates über seine Beziehung zu seinem Zwillingsbruder Simon. Beide sind talentierte Anwärter auf das Gesamtklassement. In Frankreich wird Simon, der beim Giro Kapitän war, wohl für Adam fahren. Der ist in den Bergen gut, im Zeitfahren solide. Prognose: Kann mitspielen, aber nicht gewinnen.


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    6 Emanuel Buchmann (Bora-Hansgrohe)

    Vom talentierten Mitfahrer zum Podiumskandidaten – Emanuel Buchmann hat bei den Vorbereitungsrennen einen starken Eindruck hinterlassen. Am Berg zählt der stille Schwabe inzwischen zu den Besten, im Zeitfahren hat er sich gesteigert. Was dem 26-jährigen noch fehlt, ist der Punch und das Selbstvertrauen für einen großen Sieg. Prognose: Seine Kurve geht weiter nach oben.


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    5 Vincenzo Nibali (Bahrain-Merida)

    Das Double aus Giro und Tour hat sich in den letzten Jahren stets als zu anspruchsvoll erwiesen. Auch dem erfahrenen “Hai aus Messina” wird man die Strapazen der Italienrundfahrt, die er auch wegen eines taktischen Fehlers verlor, noch anmerken. Doch mit seiner Konstanz und Leidensfähigkeit wird der 34-Jährige punkten. Prognose: Dem Hai fehlen ein paar Zähne für einen kraftvollen Biss.


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    4 Thibaut Pinot (Groupama-FDJ)

    Die Angst vor den Abfahrten ist besiegt, an seiner Zeitfahrschwäche hat er gearbeitet – ist Thibaut Pinot nun endlich bereit für mehr als eine gute Platzierung? Fast. Der Franzose wählte einen kontinuierlichen Aufbau und fokussiert sich erstmals wieder auf die Tour. Sein Team ist gut, aber andere sind besser. Prognose: Pinot wird angreifen, seine Gegner aber nicht alle abschütteln können.


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    3 Geraint Thomas (Ineos)

    Der Titelverteidiger hatte bei der Tour de Suisse eine Schrecksekunde: Nach einem schweren Sturz schien bereits der Traum vom zweiten Toursieg ausgeträumt. Doch der 33-jährige Waliser kann starten. Seine Vorbereitung lief nicht ideal – ihm wird die Leichtigkeit des Vorjahres fehlen. Prognose: Aber zum Podium reicht es dennoch.


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    2 Jakob Fuglsang (Astana)

    Jahrelang stand der Däne in Diensten anderer Top-Fahrer: Jakob Fuglsang fuhr schon für die Schleckbrüder als Helfer und stand auch bei Astana meist im Schatten. Nun ist er Kapitän und das zu Recht. In diesem Jahr war er der konstanteste der Tour-Kandidaten, hat sich am Berg noch einmal gesteigert. Prognose: Kommt dem Gelben Trikot sehr nah.


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    1 Egan Bernal (Ineos)

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    Autorin/Autor: Joscha Weber