Afrikas demografisches Dilemma

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Afrikas Bevölkerung wächst rapide. Die hohe Geburtenrate stellt den Kontinent vor eine enorme Herausforderung. Kinderzahlen gehen allerdings zurück, wenn Bildung, Gesundheit und Arbeitsplätze steigen, sagt eine Studie.

Afrikas Bevölkerung ist nicht nur jung – sie wächst auch in einem rasanten Tempo. Aber die große Kinderzahl in den Familien bedeutet für den Kontinent keinen Segen. Das Wirtschaftswachstum kann in vielen Ländern nicht mithalten, die Armut steigt. Kinder als Lebensversicherung im Alter – dieser traditionelle Glaube ist noch weit verbreitet, aber verschärft die demographische Lage. Bis 2050 soll sich die Bevölkerung in Afrika von 1,3 Milliarden auf 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln.

Niger: Höchste Geburtenrate

“Ein solcher Zuwachs an Menschen stellt die einzelnen Staaten vor Probleme und würde auch ein Land wie Deutschland völlig überfordern”, sagt Alisa Kaps, Mitarbeiterin des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Das arme westafrikanische Land Niger führt sie als Extrembeispiel an. Es habe die höchste Geburtenrate und werde seine Bevölkerung bis 2050 sogar verdreifachen. “Für dieses ‘Mehr’ an Menschen fehlt es an entsprechender Infrastruktur, Gesundheitsversorgung, Zugang zu Krankenhäusern, Bildung und Arbeitsplätzen”, skizziert Kaps das Dilemma, das in vielen Ländern Afrikas künftig zu erwarten ist. Der Grund: Trotz sinkender Kindersterblichkeit bleiben die Geburtenziffern im weltweiten Vergleich mit statistisch 4,7 Kindern pro Frau durchschnittlich hoch.

Bis 2050 soll sich die Bevölkerung in Afrika auf 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln.

Wirken sinkende Kinderzahlen beschleunigend auf die Entwicklung zu mehr Wohlstand? Oder sinken sie erst, wenn die wirtschaftliche Entwicklung fortgeschritten ist? “Das ist ein Kreislauf”, sagt Kaps im DW-Interview. Sie ist dieser Frage im Rahmen einer Studie in den Länder Tunesien, Marokko, Botswana, Ghana, Kenia, Äthiopien und Senegal nachgegangen. Die Ergebnisse hat das Berlin-Institut jetzt vorgestellt. “Beides stimmt”, betont Kaps. “Es braucht ein gewisses Maß an Entwicklung, dann gehen die Geburten zurück und das wiederum setzt Anreize für neue Fortschritte.” Diese Entwicklung sei gut an den asiatischen Staaten abzulesen, die zu sogenannten wirtschaftsstarken “Tiger-Staaten” gewachsen sind, darunter Südkorea und Taiwan.

Bildung ist entscheidend

Ein entscheidender Faktor für einen Rückgang der Geburten ist die Bildung. “Verbesserte Erziehung wirkt indirekt”, sagt Kaps. “Je länger Mädchen zur Schule gehen, je älter sind sie bei der Heirat” Das ergab die Studie. “Sie bauen andere Zukunftsperspektiven auf und tragen mehr zum Familieneinkommen bei.” Bildung leite eben den Wandel traditioneller Rollenbilder ein, die häufig durch Religion mitbestimmt seien. “Der Kindersegen ist für eine afrikanische Familie oft noch ein Muss, damit die Versorgung im Alter gewährleistet wird und die Kinder als notwendige Arbeitskräfte auf dem Land mitarbeiten können.”

Bildung ist der Schlüssel für Fortschritt in Afrika. Das gilt besonders für Frauen.

Aber der demographische Wandel in Afrika vollzieht sich laut Jakkie Cilliers nur langsam. Der Direktor des südafrikanischen Instituts für Sicherheitsstudien macht dafür auch den niedrigen Bildungsstand bei Mädchen und Frauen und mangelnde Gesundheitsversorgung verantwortlich. Auch fehle es an Aufklärung und modernen Verhütungsmethoden. “Das ist ein sensibles Thema”, gibt Cilliers im DW-Interview an. Doch er findet es wichtig, dass eine Debatte dazu in Afrika ins Rollen kommt, denn es betrifft die gesamte Gesellschaft. Er betont den Fokus eines solchen Umdenkens: Mehr Menschen im arbeitsfähigen Alter auszubilden, damit die Wirtschaft wächst.

Nordafrika erfolgreich: Kleinere Familien die Norm

“Viele Menschen glauben, das große Jugendpotential in Afrika führe zu Wirtschaftswachstum, aber das ist nur bedingt der Fall. Afrika hat noch mindestens drei Jahrzehnte vor sich, bevor die Bevölkerung von der demographischen Dividende profitiert, also mehr Einkommen und Wachstum spürt.” Aber es gibt schon Erfolg zu verzeichnen – und zwar in Nordafrika. Algerien, Tunesien und Marokko haben laut Cilliers die geringsten Geburtsraten auf dem Kontinent, danach folgen südafrikanische Länder mit einer kleineren Kinderzahl pro Familie.

Tunesierinnen bekommen zum Beispiel nur zwei Kinder im Durchschnitt. Die nordafrikanischen Länder florieren wirtschaftlich besser als andere in Afrika. Auch gab es in Tunesien eine Reihe von Reformen im Laufe der Jahre, die gezielt Frauen angesprochen haben. Sie erhielten mehr Rechte wie zum Beispiel das Wahlrecht, müssen keinen Schleier mehr tragen und genießen höhere Bildung.

Im südlichen Afrika gibt es Familien mit weniger Kindern. Aber es fehlen Arbeitsplätze für die ausgebildete Jugend.

Südafrika und Ägypten sind weiter fortgeschritten, profitieren derzeit bereits von dem demografischen Bonus. Der tritt dann ein, wenn die Kinderzahlen zurückgehen, die letzten geburtenstarken Jahrgänge ins Erwerbsleben kommen und zur Volkswirtschaft beitragen, sie aber später weniger Kinder zu versorgen haben. Das setzt den Zugang zu genügend Arbeitsplätzen voraus. “Da hinkt Südafrika jedoch mit der großen Arbeitslosigkeit hinterher”, sagt Cilliers.

Recht auf Selbstbestimmung

Neben Südafrika ist auch das kleine Land Botswana im Süden auf einem guten Entwicklungsstand und hat die Bevölkerungsexplosion eingedämmt. Das geht aus der Studie des Berlin-Instituts hervor. “Verblüfft hat aber Äthiopien”, hebt Alisa Kaps hervor. Das Land hat sich in den vergangenen 25 Jahren enorm entwickelt: Die Kindersterblichkeitsrate habe sich halbiert, die Einschulungszahlen verdoppelt und die Lebenserwartung sei stark gestiegen, fügt Kaps an. “Dadurch sind die Kinderzahlen auf vier pro Familie gesunken.” Ähnlich sei die Entwicklung in Ghana verlaufen. Das Land habe früh von Reformen im Gesundheitssektor, Bildung, auch in der Landwirtschaft profitiert.

Die Erfahrungen laut Studie zeigen: Kinderzahlen gehen zurück, wenn es Staaten gelingt, ein wirkungsvolles Gesamtkonzept zu entwickeln, das zu Fortschritten in den Bereichen Bildung, Gesundheit und bei der Schaffung von Arbeitsplätzen führt. Ziel bleibt aber die reproduktive Selbstbestimmung. “Die Menschen sollen die Entscheidung, wie viele Kinder sie möchten, selbst treffen können”, sagt Kap. “Kleinere Familien als Norm – das ist ein Prozess, der erst durchlaufen werden muss.”