Kommentar: Deutsche Bank beendet das globale Abenteuer

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Die Zeiten, in denen die Deutsche Bank das ganz große Rad drehen wollte, sind endgültig vorbei. Zurück zu den Wurzeln, heißt jetzt die Devise. Der Plan ist radikal, eine Erfolgsgarantie gibt es nicht, meint Henrik Böhme.

Es ist wie im richtigen Leben. Bevor es vielleicht besser wird, wird es erstmal noch schlechter. Das trifft mal wieder auch auf die Deutsche Bank zu. Deutschlands Geldhaus Nummer Eins hat zum ganz großen Schlag ausgeholt, damit das Leiden der Bank endlich ein Ende hat. Denn das Bild, dass dieses einst so stolze Haus mit immerhin 149-jähriger – wechselvoller – Geschichte, in den letzten Jahren abgegeben hat, es war ein Bild des Jammers. Um den Patienten vielleicht doch noch zu retten, hat der seit etwas mehr als einem Jahr amtierende Chef Christian Sewing dem Haus eine Notoperation verordnet, weil Schönheitskorrekturen bei weitem nicht mehr ausreichen.

Es ist ja so, dass die Bank für das vergangene Jahr erstmals nach drei Jahren ohne Gewinn mal wieder Geld in der Kasse übrig hatte. Und in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres stand auch ein Plus. Aber die 200 Millionen Euro sind wirklich lächerlich wenig im Vergleich zur Konkurrenz, vor allem der aus den USA. Auch im zweiten Quartal hätte man ein wenig Geld verdient. Doch der große Umbau macht das erstmal alles zunichte. Denn der Abbau von 18.000 Jobs, vor allem im Investmentbanking, dieser harte Schnitt kostet zunächst einmal viel Geld – die Bank beziffert das mit 7,4 Milliarden Euro. Damit ist klar: Aus dem kleinen Gewinn wird ein richtig großer Verlust, nämlich 2,8 Milliarden Euro zunächst im zweiten Quartal.

Henrik Böhme, DW-Wirtschaftsredaktion

Risiken werden ausgelagert

Absehbar ist somit auch, dass die Bank im gesamten Jahr wohl kaum einen Gewinn erzielen wird. Die Aktionäre müssen ebenfalls weiter darben, für dieses und das nächste Jahr ist die Dividende gestrichen. Dafür kommen sie aber um eine weitere Kapitalerhöhung herum; dies ist nie eine erfreuliche Maßnahme für die Aktionäre, weil dadurch der Wert der Aktie verwässert wird. Zudem hat die Bank ihre Aktionäre in den letzten Jahren oft genug angebettelt. In Summe für 27 Milliarden Euro wurden neue Aktien ausgebeben, gebracht hat es: Nichts.

Sewing geht dafür ans Eingemachte und entnimmt das nötige Geld dem Eigenkapital, hiervon muss die Bank deutlich mehr als andere vorhalten, weil sie nach wie vor zu den systemrelevanten Geldhäusern der Welt gehört. Gleichzeitig aber sollen riskante Papiere in großem Stil ausgelagert werden: Die Deutsche Bank hat ab jetzt eine eigene Bad Bank, wo sie ihren Müll abladen kann. Ein Fünftel der gesamten Schulden der Bank plus sogenannte “risikogewichtete Aktiva” (man könnte auch sagen: die Zutaten für die nächste Weltfinanzkrise) im Wert von 74 Milliarden Euro sollen dort gelagert werden.

Abschied aus der Champions League

Abschied nimmt die Bank von großen Teilen des Investmentbankings, es sollen nur noch die Teile fortgeführt werden, wo man bisher einigermaßen erfolgreich war. Aber aus dem Aktienhandel und dem Handel mit Zinsprodukten wird sich die Bank zurückziehen. Das ist ein Eingeständnis des Scheiterns, wollte man doch genau hier den Wall-Street-Banken Konkurrenz machen, was krachend gescheitert ist. Gleichzeitig stärkt es die Banken, die damit richtig gut Geld verdienen. Der Banken-Champions-League sagt die Deutsche Bank mit dem heutigen Tag ade.

In den Fokus sollen nun Firmen- und Privatkunden rücken, wobei es schon bedenklich ist, wenn Sewing sagt: “Indem wir die Bank wieder voll und ganz auf ihre Kunden ausrichten, kehren wir zu unseren Wurzeln zurück.” Worauf waren die Geschäfte in den vergangenen Jahren denn dann ausgerichtet? Hatten sie in den Frankfurter Zwillingstürmen vergessen, wofür sie da sind? Und wenn ja, warum hat das so lange gedauert, bis es einer gemerkt hat? Was haben eigentlich die Aufsichtsräte die ganze Zeit gemacht?

Wie lange hält es dieses Mal?

Sewing gibt sich und seiner Mannschaft drei Jahre Zeit für den Umbau. Ab 2022 soll die Bank wieder alten Glanz versprühen, will die überbordenden Kosten deutlich gesenkt haben, eine moderne IT-Infrastruktur und viel weniger Leute als heute. Das dürfte nicht einfach werden, denn auf dem deutschen Markt haben sich Sparkassen und Volksbanken (lange belächelt, weil langweilig und unsexy) erfolgreich breit gemacht. Und es wird nicht leicht, solange die Europäische Zentralbank ihre Nullzinspolitik fortsetzt – es sieht nicht danach aus, als würde sich dies in absehbarer Zeit ändern.

Ja, es ist ein radikaler Schnitt, der aber auch dringend nötig war. Es könnte ein Neustart werden zu einer neuen Deutschen Bank. Aber dafür müssen die Mitarbeiter mitziehen; Mitarbeiter, die seit Jahren schon unter der ständigen Suche nach einer neuen Strategie zu leiden hatten. Und es müssen die Kunden mitziehen. Bloß, weil einer das Schild “Alles neu” irgendwo draufklebt, heißt das nicht, dass Firmen oder Privatleute, die sich enttäuscht von der Deutschen Bank abgewendet hatten, mit Begeisterung zurückkehren. So mancher dürfte sich die Frage stellen: Wie lange wird es dieses Mal halten?