Pep Guardiola und Manchester City: Wie kann man nur so ausscheiden?

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In einem mitreißenden Spiel verliert Tottenham Hotspur bei Manchester City – und gewinnt dennoch. Dank der Auswärtstorregel ist Tottenham weiter. Eine Pleite, die vor allem einem angelastet wird: Pep Guardiola.

Er hatte genug gesehen. Pep Guardiola stapfte mit dem Schlusspfiff von dannen. Der dicken, modischen Strickjacke hatte er sich an diesem frischen Abend in Manchester längst entledigt. Zu viel Aufregung, Hitze und ja: auch Wut. Die Kamera folgte noch eine Weile seinem kahlen Hinterkopf auf dem Weg in Richtung Stadion-Katakomben, dann war er nicht mehr zu sehen. Es war ein besonderer Abend für Trainer-Star Pep Guardiola, der sich wohl noch lange fragen wird, wie er dieses Spiel nur verlieren konnte.

Denn alles hatte nach der 0:1-Niederlage im Hinspiel bei den Tottenham Hotspurs so gut begonnen: Nach nur vier Minuten war der Rückstand durch ein Tor von Raheem Sterling ausgeglichen – das schnellste Champions-League-Tor für Manchester in der Geschichte. Alles ging also in die richtige Richtung für Manchester City und Pep Guardiola. Doch zwei unglaubliche Abwehrfehler binnen 180 Sekunden später stand City vor einem Scherbenhaufen: Der schon im Hinspiel erfolgreiche Ex-Leverkusener Heung-Min Son nutzte zwei katastrophale Fehlpässe der City-Verteidigung zum Gegenschlag (7. und 10. Minute) – Tottenham führte 2:1.

Die City-Abwehr verteilt Einladungen

Son aus Wolke sieben: Der Koreaner bringt Tottenham zurück ins Spiel

Manchester brauchte nun drei Tore. Und wie es das Drehbuch dieses verrückten Fußballspiels wollte, fielen die dann auch: Bernardo Silva antwortete postwendend mit einem abgefälschten Schuss zum 2:2-Ausgleich (11.), Raheem Sterling erhöhte wenig später auf 3:2 (21.) und Sergio Agüero war schließlich in der zweiten Halbzeit zur Stelle (59.), so dass Manchester City mit einem Bein im Halbfinale der Champions League stand. Doch dann kam Fernando Llorente. Mit einem Hüft-Treffer zum 3:4 aus Sicht von Tottenham sorgte der Spanier für Entsetzen im Lager der Babyblauen (73.). Wieder ein Abwehrfehler von City, wieder eine Einladung an die Gäste, die diese dankend annahmen. Und nun war Manchester wieder draußen.

Eine Erklärung für diese Wendung nach eigentlich famoser Aufholjagd ist, dass Pep Guardiola kurz nach dem 4:2 auf Sicherung umstellte, statt die Vorentscheidung zu suchen. Nur vier Minuten nach Agüeros Tor nahm Guardiola David Silva vom Feld, brachte den defensiver ausgerichteten Fernandinho und ließ seine Mannschaft nun verhaltener, defensiver agieren. Genau das wurde zum Problem.

Das Kartenhaus von Manchester fällt in sich zusammen

Tottenham, das aufgrund von verletzungsbedingten Ausfällen schwer angeschlagen schien, kam zurück ins Spiel. Eine Standardsituation und ein gekonnter Hüftschwung von Llorente reichten, um das City-Kartenhaus wieder zum Einstürzen zu bringen.

“Wir sind total enttäuscht. Wir haben gut gespielt und es war sehr unterhaltsam, aber am Ende leider nicht für uns”, sagte City-Verteidiger Vincent Kompany nach dem Spiel, das natürlich noch einen dramatischen Schlusspunkt hatte: In der Nachspielzeit wurde das vermeintliche 5:3 durch Sterling nach Videobeweis nicht anerkannt – zurecht, wie die Wiederholung zeigte, denn es lag eine Abseitssituation vor.

“Es ist grausam”

Ein genialer Spielmacher reicht für City am Ende nicht: Kevin De Bruyne (M.) tat alles fürs Weiterkommen

Und so muss Pep Guardiola erneut den anderen beim Ausspielen des Champions-League-Titels zusehen. Das bittere Aus im eigenen Stadion nach einer zumindest offensiv famosen Leistung mit einem genial auftrumpfenden Spielmacher Kevin De Bruyne und einem eiskalten vollstreckenden Raheem Sterling wirft Fragen auf: Wie kann eine Mannschaft, die sich gerade anschickt, die Premier League zu gewinnen, gegen einen angeschlagenen Liga-Rivalen nur so aus dem Wettbewerb fliegen? Die Antwort führt relativ schnell zu Guardiola.

Neben seinem frühzeitigen Umstellen auf Defensive fällt auf, dass er einmal mehr auf einen seiner besten Spieler verzichtete: Leroy Sané. In der 80. Minute zeigte die Kamera ihn in der Nahaufnahme. Betretene Miene, starrer Blick. Der deutsche Nationalspieler schmorte, wie so oft in dieser Saison, auf der Bank. Erst kurz vor Schluss brachte Guardiola den in Ungnade gefallenen Offensivkünstler, der in den verbleibenden Minuten aber nichts mehr ausrichten konnte. Und weil auch seine Personalentscheidungen in der Defensive sich als unglücklich erwiesen, ist Pep Guardiola einmal mehr vorzeitig raus aus der Champions League. Nach seinen Königsklasse-Titeln mit dem FC Barcelona 2009 und 2011 endete die Champions League für ihn stets mit Enttäuschungen. “Es ist grausam, aber wir müssen es akzeptieren”, sagte Pep Guardiola nach dem Spiel. Und seine Stimme klang bitter, als er seine Analyse fortsetzte: “Wir haben Fehler gemacht und die werden in diesem Wettbewerb sofort bestraft”. Vielleicht meinte der Trainer damit dieses Mal auch seine eigenen Fehler.