Smiley Baldwin: Vom Kalten Krieg ins Berliner Nachtleben

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Als US-Soldat bewachte Smiley Baldwin den amerikanischen Sektor im geteilten Berlin, dann die Türen der Berliner Clubs. Der Dokumentarfilm “Berlin Bouncer” erzählt seine Geschichte.

“Ich bemühe mich diese steife, verkrampfte Art zu vermeiden, die man meistens mit diesem Job verbindet”, sagt Smiley Baldwin im Dokumentarfilm “Berlin Bouncer”, der seit dieser Woche in den deutschen Kinos läuft.  

Später nähert sich ein Mann Baldwin an einem Club-Eingang und sagt zu ihm: “Du bist eine Legende.”

Die Doku nimmt die Zuschauer mit auf eine Reise durch die jüngste Geschichte Berlins, indem sie drei legendäre – und mächtige -Türhüter des Nachtlebens porträtiert. Der Film beginnt mit dem Fall der Berliner Mauer und zeigt Baldwin sowie zwei weitere prominente Türsteher: Sven Marquardt, seinen legendären Berghain-Kollegen mit dem stark tätowierten Gesicht, und Frank Künster, der berühmte ehemalige Clubbing-Hot-Spots wie Delicious Doughnuts und King Size leitete.

Der Film von David Dietls skizziert die Biographien der drei Türsteher vor der pulsierenden und vibrierenden Kulisse Berlins.

 Jede der Geschichten hat mit der Berliner Mauer zu tun. Smiley Baldwin aber ist überhaupt nur wegen ihr in Deutschland gelandet: Er war für die US-Armee in West-Berlin stationiert.

Die Atmosphäre in der Stadt während des Kalten Krieges zog ihn an: “Ich war als Soldat für einen Wochenendtrip in Berlin – das muss 1984 oder ’85 gewesen sein. Das fühlte sich großartig an.”

Danach wusste er, dass er zurück nach Berlin will. “Ich beantragte, hier stationiert zu werden und das klappte. Innerhalb von zwei Wochen wusste ich, dass das hier meine neues Zuhause sein würde. Die ganze Atmosphäre passte zu mir wie eine neue 501-Jeans.”

Stationiert in der geteilten Metropole, fungierte er als Militärpolizist und patroullierte im amerikanischen Sektor. Er hatte auch einen Gefechts-Befehl. Dazu indes kam es nicht. “Es ist nie etwas passiert”, versichert er.

Vom GI zum Türsteher: Smiley Baldwin

GI-Kulturtransfer 

Um die US-Truppen herum war in den späten 70er und 80er Jahren eine Clubszene entstanden, die Abwechslung ins triste West-Berlin des Kalten Krieges brachte. Die GI-Diskotheken verschmolzen verschiedene Genres: Clubmusik, Jazz-Funk, Rock and Roll, Soul, R&B, Hip Hop oder Motown-Hits. Indem sie ihre Lieblingsmusik mitbrachten, trugen afroamerikanische GIs wesentlich dazu bei, diese Klänge in Deutschland zu verankern.  

Smiley Baldwin wurde Teil dieser Szene und setzt sich bis heute dafür ein, das kulturelle Erbe der GI-Discos zu bewahren. So organisierte er 2013 eine Ausstellung im AlliiertenMuseum in Berlin, die auf die amerikanische Musik in Deutschland von Ende der 70er bis Anfang der 90er Jahre zurückblickte. Im 260 Grad Club in Berlin, wo Baldwin an der Tür steht, gibt es monatliche GI-Discoabende.

Von der Army zum Türsteher

Für die Zeit nach dem Militärdienst hatte Baldwin keinen Plan. Doch obwohl er nicht sofort vom Militär ins Nachtleben wechselte, wurde es ein nahtloser Übergang.

“Ich wollte etwas anderes ausprobieren, aber ich kam auf die Sicherheit zurück. Darunter konnte ich mir etwas vorstellen. Das war es ja, was ich beim Militär gelernt und über Jahre trainiert hatte. Es schien mir also ganz selbstverständlich, in die Sicherheitsbranche zu gehen; ich dachte damals, ich könnte daraus ein Geschäft machen”, sagt er.

Und tatsächlich betreibt Baldwin nun seit über 22 Jahren einen eigenen Sicherheitsdienst für Clubs und Veranstaltungen.

Party von Sonntag bis Sonntag 

In den mehr als zwei Jahrzehnten, die er nun als Türsteher arbeitet, hat er miterlebt, wie sich das Nachtleben Berlins seit der Wiedervereinigung verändert hat. Damals, sagt er, sei die Underground-Szene definitiv aktiver gewesen. “Von Sonntag bis Sonntag ging ‘was ab. Eine Zeit lang habe ich jeden Tag gearbeitet. Und Spaß dabei gehabt. Vieles hat sich seither geändert, ohne dass ich es mitgekriegt habe.”

“In der Underground-Szene damals in Berlin Mitte und am Prenzlauer Berg waren alle miteinander verbunden. Wir waren unsere eigenen Freunde. Die Leute trafen sich jeden Tag – und nicht nur nachts. Auch tagsüber gab es Veranstaltungen.”

Heute gib es in den beiden Stadtteilen keine nennenswerte Clubszene mehr. Viele der legendären Party-Spots, an denen Baldwin gearbeitet hat, etwa das Rodeo, Cookies oder 103, sind inzwischen geschlossen.

Hat überdauert – die Kathedrale des Berliner Nachtlebens: Der Techno-Club Berghain mit seiner berüchtigten Schlange

“Das beste aus Raum und Zeit herausholen”

In “Berlin Bouncer” offenbart Baldwin eine sensible Seite, die dem Türsteher-Klischee widerspricht. “Ich mag es nicht, die Gefühle der Menschen zu verletzen. Und jedes Mal, wenn ich jemandem Nein sage, bin ich mir sehr wohl bewusst, dass ich damit die Gefühle von jemandem verletzt habe. Ich möchte, dass jeder in einen Club kommt und großartige Musik hört, aber ich bin durch Raum und Zeit eingeschränkt und muss versuchen, das Beste aus Raum und Zeit herauszuholen.”

Wegen der begrenzten Kapazität der Berliner Clubs kann er nicht jedem, der in der Schlange steht, Zutritt gewähren. Zudem gehört es zu seinen Aufgaben als Türsteher, eine vielfältige Mischung aus Partyleuten für die Nacht zu kompilieren.

Denen, die hoffen, durch die Tür zu kommen, gibt Baldwin nur diesen einen Rat: “Sei du selbst. Originalität ist das, worum es geht. Früher, wenn jemand ein Punk war, ist der nicht zu H&M gegangen, um ein Punk-Outfit zu kaufen. Punks waren Punks, weil sie ihre eigenen Outfits gemacht haben.”