Die Balkan-Spur des Christchurch-Anschlags

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Der Täter von Christchurch hatte Namen auf Kyrillisch auf seine Waffe gemalt. Sie sind wohl eher das Zeichen einer Patchwork-Ideologie als ein Indiz für eine terroristische Verbindung auf den Balkan.

Noch während der 28-jährige Australier Brenton Tarrant seinen Anschlag auf Facebook streamte, legte der mutmaßliche Attentäter eine Spur auf den Balkan. Die Live-Übertragung des Anschlags unterlegte Tarrant mit einem Kriegslied der bosnischen Serben, die in den 1990er Jahren in den Jugoslawienkriegen gegen die muslimisch dominierte Armee Bosnien-Herzegowinas gekämpft haben. Das Lied “Karadžić, führe deine Serben” verherrlicht den damaligen Serbenführer Radovan Karadžić, den das UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien 2016 zu 40 Jahren Haft verurteilt hat. Karadžić wurde unter anderem für seine Beteiligung am Massaker von Srebrenica verurteilt, bei dem im Juli 1995 mehr als 8000 Muslime ermordet wurden. 

Radovan Karadžić wurde vom Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verurteilt

Tourist auf der Suche nach Terrorinspiration?

Geschrieben wurde das Kampflied 1993 von Željko Grmuša, der damit die Moral der serbischen Einheiten stärken wollte. “Es ist schrecklich, was dieser Typ in Neuseeland getan hat. Natürlich verurteile ich das, mir tun all diese unschuldigen Menschen leid”, zitiert die führende serbische Boulevardzeitung “Kurir” den Amateurmusiker. Željko Grmuša lebt heute in Kroatien und fürchtet nun um seine Sicherheit.

Das amateurhaft produzierte Lied wäre wohl in Vergessenheit geraten, wenn nicht Unbekannte vor mehr als zehn Jahren begonnen hätten, neue Versionen des Liedes als Video mit dem englischen Untertitel “Remove Kebab” ins Internet zu stellen. Die anti-muslimischen Videos wurden millionenfach geklickt und mit rassistischen User-Kommentaren versehen. Nach dem Anschlag distanzierte sich der Inhaber eines besonders erfolgreichen Youtube-Accounts von der Verwendung des Videos durch den Attentäter und schrieb unter das Video, dass seine Gedanken bei den Opfern von Christchurch seien.

Balkan-Reisen

Brenton Tarrant ist vor dem Attentat mehrfach auf den Balkan gereist. 2018 besuchte er als Tourist historische Orte in Bulgarien. Anschließend reiste er nach Informationen des bulgarischen Generalstaatsanwalts nach Rumänien und Ungarn weiter. Zwei Jahre zuvor soll er Serbien, Bosnien-Herzegowina und Kroatien besucht haben.

Sollte er damals auf der Suche nach einer typischen Neonazi-Szene gewesen sein, so wäre er in Serbien am falschen Ort gewesen. Wegen der historischen Feindschaft zur NS-Diktatur und zum mit Hitler verbundenen kroatischen Ustascha-Staat lehnen die Serben, die zum ultranationalistischen Gedankengut neigen, mehrheitlich diese Ideologie ab. Der serbische extreme Chauvinismus ist eher antiwestlich und prorussisch geprägt.

Der Attentäter Tarrant wurde in Australien geboren

Patchwork-Ideologie

Es ist allerdings durchaus denkbar, dass sich Tarrant durch den Befreiungskampf der Balkanvölker gegen die Türken “inspiriert” gefühlt haben könnte. In seiner Vorstellung gibt es wahrscheinlich eine Verbindungslinie zwischen ihm und dem auf dem Amselfeld im 14. Jahrhundert im Kampf gegen die Osmanen umgekommenen serbischen Fürsten Lazar sowie zu anderen “Verteidigern der christlichen Gebiete”. Die bizarren Umstände des Anschlags, wie die auf seine Waffe gemalten kyrillischen Namen der historischen Kämpfer gegen die osmanischen Eroberer, sind wohl die Zeichen einer Patchwork-Ideologie, die sich nach Art eines Selbstbedienungsladens das jeweils Passende nimmt. Sie sind weniger ein Indiz dafür, dass es terroristische Verbindungen zum Balkan oder ein Unterstützernetzwerk dort gibt.

Ideologisches Vorbild für den Christchurch-Attentäter? Anders Behring Breivik

Ähnlich wie die Balkanreisen könnte Tarrant auch durch das ultrarechte Manifest des norwegischen Massenmörders und Rechtsextremisten Anders Behring Breivik beeinflusst worden sein. Die Verbindungen der Ideenwelt des mutmaßlichen Attentäters mit dem Gedankengut von Breivik sind offensichtlich. Auch Breivik verehrte serbische Paramilitärs, die im Kosovo-Krieg eine “Kreuzfahrer-Mentalität” gezeigt hätten. Sein Vorbild war der ehemalige serbische Fremdenlegionär Milorad Ulemek Legija, der unter seinem Kampfnamen Legija eine blutige Spur in den Jugoslawienkriegen hinterlassen hat. Inzwischen ist Legija als Initiator des Attentats auf den serbischen Ministerpräsidenten Zoran Djindjić im Jahr 2003 zu 40 Jahren Haft verurteilt worden. 

Dass Rechtsextreme sich an den Balkankriegen beteiligt haben, ist bekannt. Sie kämpften, je nach Herkunft, auf unterschiedlichen Seiten der Front. Deutsche Neonazis bevorzugten damals die kroatische Seite, die Russen und Griechen die serbische. Selbsternannte Gotteskrieger aus der islamischen Welt unterstützten die bosnischen Muslime. Durch das Internet sind die Propaganda von damals und die Dokumentation der Verbrechen nur einen Mausklick entfernt.

Die Angst vor den Folgen

Die Medien in Serbien behandelten das Attentat in Christchurch ausführlich. Die Sicherheitsexperten schlossen eine erhöhte terroristische Gefahr für das Land aus. Fachleute zeigten sich aber besorgt darüber, dass die Berichterstattung über die Videos Serbien in ein schlechtes Licht rücken könnte.

Viele bosnisch-muslimische User im Netz sind empört wegen des Karadžic-Lieds, zumal am nächsten Dienstag die Berufungsinstanz in Den Haag das rechtskräftige Urteil im Fall Karadžić verkünden wird. Einige muslimische User zeigen sich irritiert, dass die Medien den Täter nicht als “christlichen Fundamentalisten” bezeichnen, während die Bezeichnung “islamische Fundamentalisten” bei anderen Anschlägen ganz normal sei.