Balkan Rock – Die Musik der anderen

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Welche Musik gehört werden darf und welche nicht, das entscheiden die Eltern – und die Kinder ignorieren es. Auf dem Balkan ist eine Generation herangewachsen, die sich wenig um die Grenzen zwischen den Kulturen schert.

Einmal im Monat pilgern junge Leute in den Klub Močvara zur Balkan Rock Party

Für die 18-jährige Laura ist der Höhepunkt des Abends so gegen zwei, drei Uhr morgens erreicht. Dann dröhnen aus den mächtigen Lautsprechern des Zagreber Klubs Močvara (Der Sumpf) die Eingangstakte des Liedes Ederlezi der früheren  jugoslawischen Kultband Bijelo Dugme. Musik aus den 1980er Jahren. Zusammen mit Hunderten, die im überfüllten Klub zu der Rock- und Pop-Musik der ex-jugoslawischen Neuen Welle aus dem letzten Jahrhundert tanzen, hebt sie die Arme in die Höhe und singt laut mit: “Proljeće na moje rame slijeće, Đurđevak zeleni…”.

Die kollektive Ekstase, die das hymnische Lied über eine unglückliche Liebe und die Vergänglichkeit des Lebens auf wenige Textzeilen bringt, ist ein Phänomen: Weder die Band noch das Land existieren noch. Für Laura spielt das aber keine Rolle: “Ich mag diese älteren Lieder, weil man da am besten drauf tanzen kann. Die Texte gefallen mir gut und die Musik ist sehr lebendig.” Und auch der Klang ist authentisch: “Heutzutage macht man die Lieder mit Hilfe der Elektronik, man nutzt ‘Auto tune’, während früher Gitarren, Drum, Bass und Klavier gespielt wurden. Es waren echte Musikinstrumente.”

Jenseits der aufgezwungenen Grenzen

“Balkan Rock”, so heißt die Party, zu der einmal im Monat die jungen Leute ins Močvara kommen. Dann strömen die 17- bis 25-Jährigen in den Klub auf einer Wiese neben der Zagreber Brücke der Freiheit, und tanzen und singen zu der Musik, die in den letzten 30, 40 Jahren im ehemaligen Jugoslawien entstanden ist.

Für sie alle spielen Nostalgie oder Sehnsucht nach vergangenen Tagen gar keine Rolle – genau so wenig wie die Herkunft der Bands. Anders als der dominante politische Diskurs, der insbesondere in Kroatien permanent die Unterschiede zu “den anderen” betont, ist das für die jungen Menschen, die einen bestimmten Musikstil mögen, vollkommen uninteressant und unwichtig.

Bijelo Dugme – die legendäre jugoslawische Band begeistert auch heute noch bei seltenen Auftritten

Während von der offiziellen Politik gefordert wird, sich von “fremden” Einflüssen zu distanzieren und sie zu ächten, will diese Generation der Gegenwärtigen einfach nur “ihr Ding machen” und die Freiheit haben, das zu mögen, was sie will. “Es ist mir egal, woher wer kommt, Hauptsache es gibt keine Beleidigungen”, sagt Lucija, “und es ist mir auch nicht wichtig, wann die Musik entstanden ist: Ich höre das Alte genau so wie das Neue.”

“Kultur ist hartnäckig”

Und für eine andere Laura (17) ist das Wichtigste, zu verstehen, was gesungen wird: “Am meisten mag ich die Sachen, die aus Kroatien kommen, aber das ist nicht so wichtig. Es ist jedenfalls schön, etwas in eigener Sprache zu hören.” Und sprachlich gesehen gilt für kroatisch, serbisch, bosnisch oder montenegrinisch das Gleiche: Unabhängig davon, ob man hier von verschiedenen Sprachen ausgeht, oder davon, dass das unterschiedliche Varianten einer gemeinsamen Sprache sind, alle verstehen sich hervorragend.

“Das Retro Element ist ein wichtiger Bestandteil einer urbanen Musikszene”, sagt Kresimir Krolo, Soziologe von der Universität im kroatischen Zadar. Es handele sich um einen kosmopolitischen Typus des Geschmacks und der sei nicht spezifisch für Kroatien oder die Region, sondern sei auch im Westen sehr verbreitet. Eine wichtige Rolle spiele dabei die Sprache: “Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass, wenn man etwas hat, was sprachlich und kulturologisch nah beieinander liegt, dann auch eine ähnliche Geschmackskategorie entsteht und es bilden sich Gruppen. Das ist unabhängig davon, von welcher Art der Musik die Rede ist.”

Eine Ikone des Balkan Rocks – Bajaga ist beliebt auf dem gesamten Gebiet des früheren Jugoslawiens

Dabei werden die Versuche, die angeblich “fremden” Elemente aus einer nationalen Kultur zu entfernen, wie es die Vertreter der sogenannten “moralischen Panik” in Kroatien fordern, einfach missachtet. “Kultur kann sehr hartnäckig sein. Alle soziologischen Untersuchungen zeigen, dass unabhängig davon, wie streng der offizielle Diskurs versucht die Grenzen zu ziehen, es doch eine Art der kulturellen Osmose gibt: Ein Hindurchdringen des spezifischen Geschmacks, das die Grenzen ignoriert. Wenn es um einen gemeinsamen Geschmack geht, wird die offizielle politische Linie unwirksam.”

Verlockung der verbotenen Früchte

Besonders ausgeprägt ist dieses Phänomen in Kroatien, denn da wird in dem Bestreben, eine Identität zum großen Teil durch die Abgrenzung von den benachbarten Sprachen und Kulturen zu schaffen, besonders darauf geachtet, Grenzen zu ziehen. “Es scheint aber, dass es in der menschlichen Natur liegt, ein Verbot als Einladung zu verstehen”, sagt Golub Nikacevic , Musikproduzent und Kreativ-Direktor des Online-Portals “Vice” aus Belgrad.

Für die jungen Menschen im Klub Močvara spielen Jugonostalgie oder Sehnsucht nach vergangenen Tagen keine Rolle

“Weder Rock-Musik aus Belgrad, noch den serbischen ‘Turbo-Folk’ könnte man in Kroatien bei einem Radio-Sender hören und nirgendwo sind die CDs zu kaufen. Und dann kommt man in einen Klub, und dort flippen alle auf diese Musik aus.” Durch Verbote werde das Verlangen nur verstärkt, so Nikacevic.

Die Grenzen aufzureißen auf allen Ebenen, das sei ein Phänomen der jungen Generation. Es werden die Trennlinien sowohl zwischen einzelnen Musikgenres, zwischen der alten und neuen Musik und auch zwischen den Herkunftsländern der Musikinterpreten aufgehoben. “Kulturmatrizen haben sich verändert, stilistische Eigenschaften werden vermischt”, sagt der Belgrader Musikproduzent. “Die jungen Menschen werden heute in einem Eklektizismus der Stile groß: Alles wird gemischt, Turbo-Folk, Dance, Elektro, Rock, Hip-Hop, Metall. Heutzutage formen junge Menschen ihre Persönlichkeit und ihre Identität in dem sie all das gleichzeitig hören.”

Rundek aus Zagreb ist seit den 1980er Jahren aktiv – und beliebt (hier auf einem Konzert in Belgrad 2005)

Sich in der Musik einfach wiederfinden

Die politische Dimension ist dabei verblasst. Schon vor den Jugoslawien-Kriegen in den 1990er-Jahren, und insbesondere in der Folge dieser Auseinandersetzungen spielte eine kulturologische Differenzierung eine sehr wichtige Rolle: Die Neigung zu einem Musikstil war eng mit einer politischen oder ideologischen Positionierung gekoppelt. “Diese künstliche Polarisierung auf ‘wir’ und ‘die’ ist für die heutige junge Generation nur noch eine unnötige Belastung – Kultur hat ihre normative Funktion verloren”, sagt Nikacevic.

Bei der Identitätsbildung im kulturellen Bereich entstehen neue Kommunikationsmodelle, die sowohl die politische Teilung, als auch die sprachlichen Unterschiede als unwichtig beiseite schieben. Und so ist es für Bruno (18) aus Zagreb unwichtig, ob die Interpreten von früher sind oder von heute – er hört gerne Balkan-Rock, weil er “damit etwas anfangen kann”. Und Lucija (18) kann sich sowohl im Ex-Yu-Rock, als auch im heutigen Rock “einfach wiederfinden”. Und nur das zählt.