Raubkunst im Kino: “The Train”

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Schon 1964 brachte Hollywood ein Thema in die Kinos, das eigentlich erst in den letzten Jahren Einzug in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gefunden hat: die während des Nationalsozialismus geraubte Kunst.

Vor sieben Jahren wurden in München-Schwabing hunderte von den Nazis geraubte Kunstwerke beschlagnahmt. Über ein Jahr später veröffentlichte ein Nachrichtenmagazin die Story – der Fall Gurlitt zog weltweite Kreise. Im Februar 2014 feierte bei den Berliner Filmfestspielen der mit populären Stars aus Hollywood produzierte Film “Monuments Men” Weltpremiere. Das Thema Raubkunst hatte endgültig die breite Öffentlichkeit erreicht.

Dabei wurde das Thema in Fachkreisen längst diskutiert. 1998 wurde die “Washingtoner Erklärung” verabschiedet, in der sich Experten aus aller Welt darauf verständigt hatten, während des Nationalsozialismus geraubte Kunstwerke zu identifizieren und möglichst an ihre früheren Besitzer oder deren Erben zurückzugeben.

Thema Raubkunst für ein großes Publikum aufbereitet

Der Film “Monuments Men” (2014), in dem George Clooney nicht nur die Hauptrolle spielte, sondern auch Regie führte, wurde zum künstlerischen Desaster. Wie man das sensible Thema besser inszenieren, sich ernsthaft mit dem Stoff auseinandersetzen kann und trotzdem ein größeres Publikum nicht ausschließt, hatte der amerikanische Regisseur John Frankenheimer 1964 vorgemacht. Sein Spielfilm “The Train” (dt. Titel “Der Zug”) ist jetzt wiederzuentdecken.

Labiche (Burt Lancaster) bekommt bei seinen Sabotageakten Unterstützung von einem alten Eisenbahner (Michel Simon)

Frankenheimer schildert den auf tatsächlichen Geschehnissen beruhenden Versuch der Deutschen, 1944 Kunstschätze im Wert von vielen Millionen Reichsmark aus dem besetzten Paris zu schleusen – mit einem Güterzug mit Ziel in Deutschland. Frankenheimer, seine Drehbuchautoren und vor allem auch sein Hauptdarsteller Burt Lancaster haben aus dem Stoff einen atemberaubend spannenden Film gemacht.

Actionkino mit Anspruch: “The Train”

“‘The Train’ ist so etwas wie der Missing Link im Genom des Action-Kinos” schrieb ein Kritiker über das Werk: “Der Film, noch in Schwarz-Weiß gedreht, verbindet die 1950er Jahre mit den 1960er und 1970er Jahren. In seinem Tempo, seinen Crashs und Action-Posen” kündige sich darüberhinaus bereits das Action-Kino der folgenden Jahrzehnte an. Richtig ist: “The Train” ist extremes Körperkino, für das vor allem die beeindruckende, physische Präsenz Burt Lancasters verantwortlich ist.

Und es ist ein Kino der Materialschlachten. Doch anders als spätere Blockbuster-Generationen aus Hollywood, in dem sich die Action immer mehr von Handlung und Geschichte abspaltet, dient diese in “The Train” noch einem Zweck: der Illustrierung eines menschlichen und gesellschaftspolitischen Dramas.

In einer Nebenrolle ist auch Frankreichs Kinoikone Jeanne Moreau zu sehen

Paris, im August 1944: Der Deutsche Oberst von Waldheim (Paul Scofield, unser Bild oben) ist Kunstliebhaber und will Gemälde von unschätzbarem Wert vor den heranrückenden Alliierten in Sicherheit bringen. Hunderte Meisterwerke von Monet, Renoir, Picasso, Matisse und anderen sollen nach Deutschland transportiert werden. Die Werke befinden sich in der Pariser Galerie “Jeu de Paume”, wo die deutschen Besatzer die geraubten Bilder zusammengetragen und aufbewahrt haben. Dort werden sie in Kisten verpackt und auf einen Güterzug verladen.

Résistance kontra Wehrmacht

Es beginnt ein Katz und Maus-Spiel – zwischen dem Deutschen von Waldheim und seinem französischen Gegenspieler Paul Labiche (Burt Lancaster), Angestellter der nationalen Eisenbahnbehörde, aber auch Mitglied der Résistance. Labiche und seine Mitstreiter versuchen mit all ihnen zu Verfügung stehenden Mitteln, den Raubkunst-Transport auf der Schiene zu sabotieren. Zunächst, indem sie die Abfahrt des Güterzuges verzögern, später mit von ihnen inszenierten Unfällen und Anschlägen auf die Eisenbahnstrecke.

Auch gelingt es ihnen zunächst mit einem ausgeklügelten Täuschungsmanöver die Deutschen zu überlisten: Statt nach Osten in Richtung Deutschland, fährt der Zug über viele Umwege in einer großen Kreisbewegung durch Ost-Frankreich wieder in die französische Hauptstadt. Résistance und Helfershelfer habe Orientierungstafeln, Hinweisschilder und Bahnhofsanschläge so geschickt ummontiert, dass die deutschen Besatzer getäuscht werden.

Charisma und physische Präsenz: Hollywood-Star Burt Lancaster trägt den Film bis zum Schluss

Der amerikanische Wissenschaftsautor Robert M. Edsel hat den spektakulären Raublunst-Transport aus dem Jahre 1944 in einem Kapitel seines populär geschriebenen Sachbuchs “Monuments Men – Die Jagd nach Hitlers Raubkunst” 2009 (Dt. 2013) beschrieben. Doch Frankenheimer machte die Sache wesentlich besser. Er durchdringt den Stoff, weil er die Zuschauer mit auf eine dramatische Reise nimmt und den Konflikt zwischen Nazis und Résistance glaubwürdig auf die Auseinandersetzung zweier Personen verdichtet.

Der Film stellt Fragen nach dem Wert von Kunst

Andererseits stellt der Film auch allgemeingültige Fragen. Im Laufe des Versuchs der Franzosen, den Zug aufzuhalten, erschießen die Deutschen immer wieder Gefangene und Widerstandskämpfer. Der Film stellt die Frage: Ist die Kunst, und sei sie noch so wertvoll und bedeutsam, den Preis eines Menschenlebens wert?

John Frankenheimer und seinem Filmteam ist es 1964 gelungen, das Thema Raubkunst facettenreich und intelligent zu beleuchten. Das das im Rahmen eines spannenden Actionfilms getan wurde, ist kein Fehler. “The Train” ist auch über ein halbes Jahrhundert nach seiner Entstehung ein ungeheuer packender Film: “Hollywood at his Best”.

John Frankenheimer: The Train/Der Zug, USA/Frankreich/Italien 1964, 133 Minuten, mit Burt Lancaster, Jeanne Moreau, Paul Scofield, Michel Simon, Suzanne Flon, Wolfgang Preiss u.a.; beim Anbieter “Filmconfect” auf Blu-Ray und DVD erschienen.