Online-Handel: Internet verschmilzt mit echter Welt

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Weltweit wird immer mehr im Internet gekauft. Davon profitieren vor allem wenige große Konzerne. Die Frage ist: Läuft künftig alles im Cyberspace oder wird es weiterhin Geschäfte geben, die man physisch betreten kann.

Die meisten Menschen sind nun einmal sehr bequem – warum also schwere Einkaufstüten nach Hause schleppen, wo man das doch den Paketdienst machen lassen kann? Warum mühsam von Geschäft zu Geschäft pilgern, wenn sich Preise und Produkte bequem auch online vergleichen lassen? Kurzum, warum die heimische Stube verlassen, wenn man den Kauf auch per Mausklick erledigen kann? Das gilt auch für Deutschland.

Mehr als drei Viertel der Deutschen, die im Internet surfen, kaufen dort auch gleich ein. Das sind rund 50 Millionen Online-Käufer. Bestellt wird fast alles – von Kleidung, Möbeln, Gebrauchsgütern, Eintrittskarten bis zu Urlaubsunterkünften. Noch nicht so gut laufen Produkte aus dem Bereich Elektronik und Lebensmittel, verkündete jüngst das Statistische Bundesamt.

Eine Trendumkehr ist nicht in Sicht. Der Online-Handel wächst, wenn auch nicht mehr ganz so rasant. Im letzten Jahr erreichte er in Deutschland ein Volumen von knapp 49 Milliarden Euro, heißt es vom Handelsverband Deutschland. In diesem Jahr werde er um weitere zehn Prozent wachsen, so die Prognose.

Platzhirsche wie Amazon dominieren das Geschäft

Von dem regen Geschäft im virtuellen Raum profitieren aber nicht alle gleichermaßen. In vielen Ländern der Welt beherrschen drei große Player den Online-Handel. Die beiden amerikanischen Riesen Amazon und eBay sowie die chinesische Handelsplattform Alibaba. Dabei hat Amazon deutlich die Nase vorn.

Auch in Deutschland ist der Internetriese Amazon ganz vorn dabei: als Händler und als Handelsplattform, auf der andere ihre Produkte anbieten können. Neun von zehn Deutschen bestellen dort, hat die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) bei einer Umfrage 2017 ermittelt. Ähnlich durchsetzt hat Amazon den Markt in Japan, den USA und Großbritannien. Im Rest der Welt ist der Konzern nicht ganz so erfolgreich: Im globalen Durchschnitt liegt der Anteil der Amazon-Nutzer unter den Online-Einkäufern mit 56 Prozent um einiges niedriger.

“Die großen Online-Anbieter bauen ihre Marktmacht kontinuierlich aus und können sich ein immer größeres Stück vom Kuchen sichern – zulasten des stationären Handels”, meint Thomas Harms, Handelsexperte der Unternehmensberatung Ernst&Young (EY). Das zeige sich auch im lukrativen Weihnachtsgeschäft. Hier müsse sich der stationäre Handel in diesem Jahr auf ein leicht rückläufiges Geschäft einstellen, so Harms. Der Umfrage von EY zufolge kauft inzwischen bereits gut jeder fünfte Deutsche seine Weihnachtsgeschenke lieber online. Vor einem Jahr war der Anteil der E-Commerce-Nutzer hier nur halb so hoch.

Offline-Geschäfte bleiben lebendig

Zwar wächst der Online-Handel, das bedeutet aber nicht unbedingt das Aus für die Geschäfte, die in der echten Welt Waren anbieten. Laut PwC zücken knapp 60 Prozent der Deutschen mindestens einmal pro Woche im stationären Handel ihr Portemonnaie. Das sind mehr als vor drei Jahren, wo nur 46 Prozent den Weg in die Geschäfte fanden.

In anderen europäischen Ländern steht der klassische Einzelhandel schlechter da. Im europäischen Durchschnitt kaufen dort nur 43 Prozent ein. Das ist das Ergebnis der “Global Consumer Insights Survey 2018”, für den PwC über 22.000 Verbraucher in 27 Ländern befragte.

Natürlich hat inzwischen so mancher stationäre Händler den Cyberspace für sich entdeckt und bietet seine Ware auch dort an. Daneben stoßen auch die Hersteller selber ins Internet vor. Nach Daten des Handelsverbandes Deutschland hat ein Viertel der klassischen Händler einen eigenen Online-Shop. Rund 15 Prozent verkaufen ihre Ware über Online-Marktplätze wie Amazon oder Ebay. So ist der stationäre Handel im Internet stärker gewachsen als die ursprünglichen Online-Händler.

Der Wandel verläuft aber auch umgekehrt: Einige virtuelle Händler wagen den Schritt in die reale Welt. Auch der Platzhirsch Amazon setzt inzwischen auf Offline-Geschäfte. Erste Amazon-Go-Läden gibt es bereit in den USA.

Virtuelle und reale Shopping-Welt verschmelzen

Online- Offline: Künftig wird alles miteinander verschmelzen, glaubt man bei der Unternehmensberatung PwC. Es wird also weiterhin auch Geschäfte geben, die in der echten Welt betreten werden können. Ob gekauft wird oder nicht, darüber entscheide das Einkaufserlebnis, so PwC.

Ein solches Erlebnis werde im Jahr 2025 durch verschiedenste Technologien möglich, beispielsweise durch Augmented Reality (AR)-Anwendungen (also der computergestützten Erweiterung der Realitätswahrnehmung) oder mittels Einkaufsroboter. Persönliche Assistenzsysteme und Wearables kommunizieren künftig direkt mit den Systemen des Händlers. Schon jetzt ist das Smartphone als Einkaufsassistent wichtig beim Einkauf – und die Bedeutung wird noch zunehmen.

Online-Handel schlecht für die Umwelt

So schön bequem der Online-Einkauf auch ist – er birgt auch einige Probleme. So schwillt die dadurch verursachte Paketflut immer mehr an. Allein im letzten Jahr wurden 3,35 Milliarden Kurier, Express und Paketsendungen allein in Deutschland verschickt, von denen gut die Hälfte durch Onlinehandel verursacht wurde, gibt der Bundesverband Paket und Express Logistik an. Für die Umwelt ist es aber ein Desaster, wenn jedes Paket individuell per Lieferwagen vor die Haustür kutschiert wird.

Um dieses Problem in den Griff zu bekommen, sind ebenfalls neue Technologien gefragt. So arbeitet die Post an Lieferkonzepten, in denen E-Fahrzeuge eingesetztwerden und bei denen vor allem die Wege optimiert werden. Auch im Bereich Logistik können neue Technologien einen Ausweg zeigen. So testet Amazon die Paket-Auslieferung per Drohne. Und in China bringt ein kleiner Lieferroboter bereits Lebensmittel zum Kunden.

Es gibt aber noch ein weiteres Problem. Nachdem bekannt wurde, dass Amazon massenhaft zurückgeschickte Ware zerstört, ist der Umgang mit Retouren ins Blickfeld gerückt. Allein in Deutschland wird jedes Jahr eine dreistellige Millionenzahl von Paketen an Amazon, Zalando und Co. zurückgeschickt. Nicht zu unterschätzen ist auch der Müll, der durch die vielen Verpackungen verursacht wird. Papier, Pappe, Karton, Folie und Styropor – es soll ja nichts auf dem Weg zum Kunden beschädigt werden. Der Online-Shopping-Boom: Ein Trend mit einigen Schattenseiten. 


  • Auch der Weihnachtsmann kauft bei Amazon

    Gelber Turm

    In den USA kann Amazon fast die Hälfte der Amerikaner innerhalb einer halben Stunde beliefern. Auch Deutschland ist ein wichtiger Absatzmarkt für den Online-Versandhändler. Wer in Bad Hersfeld (Bundesland Hessen) am gelben Turm durch die Schleusen geht, betritt das Reich von Amazon mit einer Lagerfläche in der Größe von etwa 15 Fußballfeldern.


  • Auch der Weihnachtsmann kauft bei Amazon

    Erst Bücher, dann alles andere

    Neun Logistikzentren gibt es bereits in Deutschland. Daneben plant Amazon drei neue Zentren. In Bad Hersfeld wandeln die sogenannten “Picker” durch die Gänge, um die bestellten Waren herauszusuchen. Angefangen hat der Amazon Gründer Jeff Bezos 1995 mit dem Verkauf von Büchern über das Internet. Heute liefert er fast alles.


  • Auch der Weihnachtsmann kauft bei Amazon

    Geordnetes Chaos in Bad Hersfeld

    In Bad Hersfeld wird nach dem “Chaos-Prinzip” gelagert. Hier ist noch ein Platz frei…?! dann rein mit der Ware. Bücher, Elektronik, Filme, Kleidung, Cloud-Dienste – Amazon versucht sich ständig auf neuen Geschäftsfeldern, etwa Dienstleistungen oder Gebrauchtwagen online zu verkaufen. Neuerdings eröffnet der Konzern auch reale Buchhandlungen und Pop-up-Stores.


  • Auch der Weihnachtsmann kauft bei Amazon

    Marktmacht wird immer mehr ausgebaut

    Nicht jede Bestellung über Amazon führt dazu, dass ein Picker ins Regal greift und die Ware scannt. Denn Amazon besitzt nicht alle Ware selber. Gegen Provision dürfen auch andere Händler die Amazon-Plattform nutzen. Sie setzten in Deutschland 2015 sogar mehr um als Amazon selber. Auch mit ihrer Hilfe wird Amazon immer mehr zum Monopolisten im Online-Handel.


  • Auch der Weihnachtsmann kauft bei Amazon

    Milliarden-Umsatz in Deutschland

    Wie große die Marktmacht ist, zeigen Zahlen des EHI Retail Institute und Statista: Rund 7,8 Milliarden Euro hat Amazon 2015 in Deutschland umgesetzt. Gefolgt im großen Abstand von Otto (2,3 Milliarden Euro) und Zalando (rund eine Milliarde Euro).


  • Auch der Weihnachtsmann kauft bei Amazon

    Was für Ungeduldige

    Immer schneller werden die Kunden beliefert. Anfänglich waren es noch mehrere Werktage – heute bietet Amazon in einigen Städten schon die Lieferung innerhalb von zwei Stunden an. Dafür muss aber kein Mitarbeiter in Bad Hersfeld durch die Regale rennen. Das Geheimnis steckt in einer ausgeklügelten Logistik.


  • Auch der Weihnachtsmann kauft bei Amazon

    Tarif: Logistik oder Einzelhandel?

    Um den Ansturm in der Weihnachtszeit zu bewältigen, sucht Amazon allein in Bad Hersfeld zusätzlich zu der Stammbelegschaft 2000 Saisonarbeiter. Bezahlt wird etwas über 10 Euro Brutto pro Stunde. Zu wenig? Viele meine Ja! Und so wird immer wieder gestreikt. Seit dem Frühjahr 2013 schwelt ein Dauerkonflikt zwischen der Gewerkschaft Verdi und dem Online-Versandhändler Amazon.


  • Auch der Weihnachtsmann kauft bei Amazon

    Streiks als Teil des Alltags

    Verdi fordert eine Bezahlung nach dem Tarif des Einzel- und Versandhandels. Amazon sieht sich aber als Logistikkonzern. Mit den Streiks könne man gut umgehen, meint Standortleiter Norbert Brandau (Foto). Der Kunde bekäme davon nichts mit. Auf die Frage, ob Amazon gar nicht vorhabe, auf die Streikenden einzugehen, antwortet er nur: “Gewerkschaft und Amazon, dass passt einfach nicht zusammen.”


  • Auch der Weihnachtsmann kauft bei Amazon

    Ein Eckchen für Gespräche

    Immerhin haben die Mitarbeiter durchgesetzt, dass es seit Juni 2014 in allen deutschen Versandzentren von Amazon Betriebsräte gibt. In Bad Hersfeld gibt es die schon länger. Gespräche führen dürfen sie wie hier in solchen gepolsterten, oben offenen abgetrennten Bereichen der großen Lagerhalle.


  • Auch der Weihnachtsmann kauft bei Amazon

    Hilfe aus dem Ausland

    Streik? Dann wird eben nicht aus Deutschland geliefert. “Amazon ist so aufgestellt, bei streikbedingten Engpässen aus Logistikzentren im benachbarten Ausland liefern zu können”, sagt Kai Hudetz vom Kölner Institut für Handelsforschung. Insgesamt gibt es über 31 Logistikstandorte in Europa. Bei Amazon in Polen würden meist nur 3,50 Euro pro Stunde gezahlt, sagt Verdi. Amazon bestreitet das.


  • Auch der Weihnachtsmann kauft bei Amazon

    Flüchtlinge willkommen

    Anders als viele deutsche Konzerne hat Amazon mit seinem Versprechen Ernst gemacht. So arbeiten allein in Bad Hersfeld 300 Flüchtlinge, darunter Ganam Alturky aus Syrien (Foto). Er macht hier seine Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik. Wer dem Konzern Böses will, könnte natürlich mutmaßen, dass diese Mitarbeiter sich wohl kaum über Arbeitsbedingungen und niedrige Löhne beschweren dürften.


  • Auch der Weihnachtsmann kauft bei Amazon

    Päckchen packen am Fließband

    Niedrige Löhne – für die Kunden heißt das im Zweifel: niedrige Preise. Und so schauen die meisten zuerst bei Amazon nach, wenn er etwas online kaufen möchte. Am Spitzenbestelltag des vergangenen Jahres, dem 14. Dezember 2015, wurden bei Amazon.de über 5,4 Millionen Artikel bestellt.


  • Auch der Weihnachtsmann kauft bei Amazon

    Aus der Verlustzone

    So groß die Marktmacht auch ist, Amazon hat lange Verluste oder nur minimale Gewinne ausgewiesen. Wegen der hohen Investitionen, hieß es. In diesem Jahr aber überrascht Amazon mit Rekordgewinnen in den letzten beiden Quartalen. Gut für den Gründer Jeff Bezos (Foto). Er hält rund 17 Prozent der Anteile an Amazon, und ist – nach der Zeitschrift “Forbes” – der drittreichste Mensch der Welt.

    Autorin/Autor: Insa Wrede