Mikhail Zaslawsky: “Man kann nicht sein ganzes Leben lang hassen”

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Er war Zeuge des Massakers von Odessa und überlebte selbst nur knapp. Mikhail Zaslawskys Familie aber kam in den Flammen ums Leben. Im Gespräch mit der DW spricht der heute 93-Jährige über seine Erinnerungen.

Mikhail Zaslawsky ist sechzehn, als seine Heimatstadt Odessa, die mondäne Metropole am Schwarzen Meer, im Oktober 1941 von rumänischen und deutschen Truppen besetzt wird. Bei einem Bombenangriff auf das Stabsquartier der Nazis am 22. Oktober sterben 67 Besetzer. Nun wird Rache geübt: Für jeden deutschen oder rumänischen Offizier müssen 200 “Bolschewiken” sterben, für jeden Soldaten 100. Nur gibt es in Odessa keine “Bolschewiken” mehr, eigentlich auch kaum noch Männer. Die Rache wird an der jüdischen Bevölkerung, vorwiegend an Frauen und Kindern, verübt. Man pfercht sie in die ehemaligen Munitionslager am Rande der Stadt, sie werden erschossen oder verbrannt.

Mikhail Zaslawsky, der letzte Überlebende des Massakers von Odessa, sprach mit der Deutschen Welle über seine Erinnerungen.

DW: Mikhail Alexandrowitsch, wie haben Sie die Ereignisse vom Oktober 1941 erlebt? (Anm. d. Red: In Russland gilt es als höflich, sein Gegenüber nicht mit dem Nachnamen, sondern mit dem Vor- und Vatersnamen anzusprechen.)

Mikhail Zaslawsky: Ich bin gebürtig aus Odessa und liebe meine Stadt. Deswegen war ich wie alle halbwüchsigen Jungs im August/September 1941 an der Verteidigung von Odessa beteiligt: Wir errichteten Barrikaden, indem wir Pflastersteine aus der Straße buddelten, wir brachten zerstörte Häuser in Ordnung, damit sie nicht einstürzten, wir halfen dabei, Verletzte herauszuholen. Der 16. Oktober war ein schwarzer Tag: Die Besetzer kamen in unsere Stadt. Ich gehöre der jüdischen Nationalität an, auch mein Vater, meine Mutter und alle Vorfahren waren Juden.

Am 19. Oktober 1941 kam ein faschistischer rumänischer Offizier in unser Haus, zwei Soldaten und ein ukrainischer Dolmetscher, und uns wurde übersetzt: “Juden, packt zusammen – ihr habt 20 Minuten!” Meine Mutter packte zusammen, was sie konnte. Als wir herauskamen, standen alle Nachbarn unseres Hauses am Tor.

Ich schaute mich um – an jedem Tor standen Nachbarn aus anderen Häusern: die Jungs, mit denen ich Fußball gespielt hatte, mit denen ich aufwuchs, Menschen, die ich jeden Tag sah, die ich grüßte oder auch nicht, Nachbarn, mit denen man befreundet war oder verfeindet. Allen diesen Menschen stand die stumme Frage im Gesicht geschrieben: “Weshalb?”

Was geschah weiter?

Wir wurden in die Schule Nr. 121 gebracht, das war eine neue Schule mit vier Stockwerken. Dort hielt man uns bis zum Morgen fest. Am nächsten Tag wurden wir unter Hundegebell und Kolbenschlägen über die alte Portofrankskaja-Straße alle zusammen ins Gefängnis getrieben.

Ein Modell der Munitionslager im Holocaust-Museum in Odessa rekonstruiert das Verbrechen

An beiden Straßenseiten standen die Bewohner, standen meine Kameraden, Mitschüler, ihre Eltern, die nicht helfen konnten, die auch erstaunt waren. Aber es gab auch solche Lumpen, die kamen angelaufen, rissen einem das Gepäck aus der Hand – die Taschen mit den Sachen, der Verpflegung.

Man trieb uns ins Gefängnis. Sperrte uns ein, 16 Personen zusammen in eine Zelle, die für ein bis zwei Menschen gedacht war, völlig wahllos, alle gemischt – Frauen, Alte oder Kinder. Wir wurden nicht zur Toilette gelassen, nirgendwohin. Wir alle – verzeihen Sie – mussten uns direkt dort entleeren, und ich war ja ein junger Kerl, schon 16, und da waren junge Frauen, mit kleinen Kindern, das war mir schrecklich unangenehm. Dort wurde eine Ecke abgeteilt, mit einem Stück Leinwand, ein alter Topf wurde hingestellt… Das will ich gar nicht so genau erzählen.

Am 22. Oktober um 16 Uhr wurde das Gebäude der Kommandantur auf der Maraslijewskaja in die Luft gesprengt. Dort kamen an die hundert Faschisten um, wie wir später erfuhren, darunter der Stadtkommandant Ion Glogojanu. Natürlich waren die Juden schuld. Und am nächsten Morgen wurden wir dann zum Munitionslager getrieben.

Sie wussten schon von der Explosion?

Ja, jemand erzählte es. Kaum kamen wir im Munitionslager – ich trug meinen fünfjährigen Bruder auf dem Arm – riss man ihn mir sofort von der Schulter, und ich bekam einen schrecklichen Schlag in den Rücken, ich weiß nicht, ob mit dem Fuß oder mit einem Gewehrkolben, einem Schlagstock – man schleuderte mich beiseite, wo Männer und Alte, auch Halbwüchsige standen. Wir kamen ganz nach hinten, zum letzten Lagergebäude. Meine Mutter und meine Geschwister, ich war ja der älteste der Fünf, landeten in einer anderen Baracke.

Nach einiger Zeit hörte ich ein Motorenbrummen. Es kam ein Auto, und alles wurde mit Benzin oder einem Brennstoff überschüttet und angezündet. Nach einiger Zeit, als alles Feuer gefangen hatte, brannte der Rand des Gebäudes durch, und es bildete sich ein Loch. Ich stürzte durch dieses Loch.

Ich war, wie gesagt, jung und sportlich, und ich kämpfte um mein Leben. Ich kam heraus, und auch hinter die Absperrung, das war nicht so eine Absperrung wie in den Konzentrationslagern, kein Stacheldraht, sondern einfach ein Zaun. Da schlüpfte ich durch und lief. Ich hörte, wie sofort das Maschinengewehr vom Wachturm losging.

Ich hörte Schreie. Ich hörte, wie Körper fielen, aufschlugen. Ich hörte Schritte. Ich drehte mich um und sah, dass die anderen Speicher brannten, wie Flammen hinauf in den Himmel schlugen. Als ich über ein Maisfeld rannte, und die Kolben waren schon geerntet, nur die Stoppeln standen da – da schlängelte ich mich hindurch und kam zu einer Aufforstung. Dort fiel ich um, atemlos, wie man so sagt.

Ich lag dort bis zum Abend. Und am Abend schlug ich mich durch die Gemüsegärten, die “Hinterteile”, wie man sie in Odessa nennt – denn ich kannte meine Stadt gut, ich war ja ein Junge, der überall herumstromerte. Über die Gasse, die zur Lustdorf-Straße führt, zu den Munitionslagern, ich kam bis zum polnischen Friedhof und kletterte dort über die Mauer, dort verbrachte ich die Nacht.

Die Tragödie hat eine Adresse: Lustdorf-Strasse 27 (heute 46)

Direkt auf dem Friedhof?

Auf dem Friedhof, in einer Gruft. Ich blieb noch den Tag in der Gruft, ohne Essen, ohne Wasser, und in der nächsten Nacht ging ich in die Stadt – über den Güterbahnhof, wer in Odessa geboren ist, der kennt das, dort fuhr die Straßenbahn Nummer 3, das war ein Sackbahnhof.

Aber was ich während der Besatzung erlebte, in den folgenden zweieinhalb Jahren, das kann man in zwei Minuten nicht erzählen. Ich war untergetaucht, lebte unter einem fremden Namen, ich hatte Papiere von der rumänischen Polizei mit meinem Foto und sogar mit meinen Fingerabdrücken. Zweieinhalb Jahre. Am 10. April 1944 wurde Odessa befreit, und am 11. war ich schon bei der Armee.

Wen haben Sie in den Flammen des Munitionslagers verloren?

Meine Schwester Eva, 12 Jahre, und eine weitere Schwester, Shenja, 9 Jahre, meinen kleinen Bruder Ilja, den ich hingetragen hatte. Und meine Mutter trug die kleine Anna auf dem Arm. Alle sind verbrannt. Sie wurden zu Asche. Man sagt, dort konnte man noch viele Tage den Geruch verbrannter Leiber spüren.

Zu dem Ort, wo seine Familie umkam, fährt “Onkel Mischa”, wie Zaslawsky in Odessa genannt wird, immer noch mit der Straßenbahn Nummer 3.

Sind Sie an den Ort zurückgekehrt, an dem das alles geschah?

Ja, das bin ich. Aber das Denkmal haben wir, die Vereinigung ehemaliger KZ-Häftlinge, erst vor kurzem aufgestellt. Ich bin hingegen jedes Jahr da hingegangen.

Jetzt sind dort Wohnhäuser, Garagen, Gemüsegärten, Kinder spielen, Müll wird ausgetragen. Ist das für Sie kein Frevel? 

Nein, das Leben setzt sich durch, das ist normal. Wichtig ist nur, dass sich so etwas nicht wiederholt. Das Gedenken ist wichtiger als Denkmäler.

Sie gingen bei der ersten Gelegenheit an die Front. Mit Rachedurst?

Am Anfang waren da Zorn und Empörung, ja. Ich war ein verdienstvoller Soldat, sagen wir mal. Aber man kann nicht sein ganzes Leben lang hassen. Die Zeit löscht den Schmerz, es kommen andere Sorgen. Ich habe zwei Kinder, drei Enkel und bereits vier Urenkel. Ich erzähle ihnen das als Familientragödie, aber für sie ist das alles Geschichte, sie sind weit weg davon. 

Das Gespräch führte Anastassia Boutsko.