Stefan Heym: “Die Architekten”

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Der Stalinismus in der Sowjetunion durfte in der DDR öffentlich nicht thematisiert werden. Stefan Heym schrieb seinen Schlüsselroman dazu deshalb gleich auf Englisch. Erst 34 Jahre später ist er auf Deutsch erschienen.

Wir befinden uns im Jahr 1956, drei Jahre nach Stalins Tod. In der DDR geht der sozialistische Aufbau voran, allem voran soll die “Straße des Weltfriedens” ein leuchtendes Beispiel sozialistischer Architektur werden: auferstanden aus Ruinen. Der erste Bauabschnitt ist so gut wie fertig. Architekt Arnold Sundstrom und seine Mitarbeiter sind seit Monaten mit den Plänen für den Weiterbau befasst. Doch noch lässt die Genehmigung der Parteiführung auf sich warten. 

Sundstrom ist deshalb angespannt, wird schnell ungehalten. Das bekommt seine sehr viel jüngere Ehefrau Julia sehr zu spüren. Sie ist Teil seines Planungsteams, aber sie haben auch gemeinsam einen Sohn. In dieser Lage taucht völlig unerwartet Daniel Tieck auf, Sundstroms früherer Freund und Mentor. Die letzten Jahre hatte der einstige Bauhaus-Lehrer in Stalins Straflagern verbracht. 

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“Die Architekten” von Stefan Heym

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“Die Architekten” von Stefan Heym

Wenn der Mut zu fragen erwacht

Der erfolgreiche Architekt bekundet bedeutungsschwanger, er empfinde “persönliche und politische Verantwortung” für seinen Freund Tieck. Dessen Ankunft wirft auf einmal viele Fragen auf. Unbequeme Fragen nach der Zeit, als Sundstrom, Tieck und Julias Eltern als Kommunisten in Moskau vor den Nationalsozialisten Zuflucht gesucht hatten. Julias Mutter wurde damals als Kollaborateurin denunziert, sie und ihr Mann von Stalins Schergen ermordet. Ihr Kind, das Mädchen Julia, wächst unter Sundstroms Obhut auf. Mit 18 wird sie seine Ehefrau. 

Der Architekt Sundstrom ist in der DDR hochangesehen. Das vom Alter her ungleiche Paar lebt ein privilegiertes Leben in einer Villa, sogar ein Wagen steht jederzeit zur Verfügung. Als der schwerkranke Heimkehrer Daniel Tieck mit seinen Ideen am sozialistischen Aufbau teilhaben will, gerät das bürgerliche Leben der Sundstroms in Schieflage. Julia, die bis dahin verehrungsvoll zu ihrem älteren Mann aufgesehen hat und sich von ihm brav unterweisen ließ, beginnt mit auf einmal eigene Fragen zu stellen. 

Als diese Aufnahme von Berlin-Friedrichshain entstand, hieß sie noch Stalin-Allee, und die Bebauung war noch nicht vollendet. Später wurde die sozialistische Prachtstraße in Karl-Marx-Allee umbenannt.

Die Vergangenheit kehrt zurück

Plötzlich interessiert sie sich mehr für Daniel Tiecks am Bauhaus orientierte architektonische Vorstellungen, die dem Zuckerbäckerstil, den ihr Mann für den Ausbau seiner sozialistischen Prachtstraße vorsieht, krass entgegenstehen. Anfänglich misstraut sie noch ihrem eigenen Argwohn:

“Zusammen mit den Lichtspiegelungen in den Fenstern auf der Sonnenseite der Straße trugen all diese Schnörkel dazu bei, die heroischen Proportionen der Häuserblocks weniger schwerfällig erscheinen zu lassen, und schufen eine Stimmung, die Julia aufatmen ließ. Wieso sollte ein Anblick, den sie vor wenigen Wochen noch reizvoll gefunden hatte, seinen Glanz plötzlich verloren haben? Warum sollte eine Ästhetik, nach deren Inbegriff sie erzogen worden war, auf einmal nicht mehr gültig sein?”

Doch ihre Zweifel keimen. Auch die Vergangenheit scheint immer ungewisser. Schließlich entlockt sie Tieck die schockierende Wahrheit: Es war Sundstrom, der ihre Mutter verraten und seinen Freund ins Straflager gebracht hat. 

Verhandelt wird ostdeutsche Zeitgeschichte

Stefan Heym schrieb sein Buch schon 1966, auf Englisch, seiner frühen Literatursprache. Damals hätte es keinesfalls in der DDR erscheinen können. Die Thematik war zu brisant, geht es doch um ein verdrängtes Kapitel ostdeutscher Geschichte. Die Opfer des Stalinismus wurden zu DDR-Zeiten nie betrauert, die diktatorischen Fehlentwicklungen der frühen Jahre nicht aufgearbeitet. 

Im Buch leben die Sundstroms in der Provinz, doch der zeithistorische Bezug zum Bau der Ostberliner Stalin-Allee, die später in Karl-Marx-Allee umbenannt wurde, ist unverkennbar. Die Moskauer Baukonferenz von 1954 schloss mit der stalinistischen Bauweise endgültig ab und verordnete ihren Architekten pragmatischere Entwürfe.

Im November 1989, kurz vor dem Mauerfall, sprach sich Stefan Heym bei einer Großdemonstration auf dem Berliner Alexanderplatz für eine bessere DDR aus

Dieser plötzliche Paradigmenwechsel wurde in der DDR nur mit Verzögerung erkannt. Und genau in dieser post-stalinistischen Umbruchphase, dem kurzlebigen Tauwetter unter dem sowjetischen Staats- und Regierungschef Nikita Chruschtschow, siedelt Heym seinen Roman an. Veröffentlicht hat er ihn erst – von ihm selbst übersetzt – im Jahr 2000, wenige Monate vor seinem Tod. 

Wie in vielen seiner Bücher geht es Stefan Heym auch in dem Roman “Die Architekten” um die Freiheit des Einzelnen, sich mit gesellschaftlichen Entscheidungen auseinanderzusetzen und zwischen Vernunft und Anpassung nicht abzustürzen. Und es geht um politischen Fort- oder Rückschritt – und um Menschlichkeit. Das macht seinen Roman wichtig – und sehr lesenswert. 

 

Stefan Heym: “Die Architekten” (2000), C. Bertelsmann Verlag (auch als Hörbuch)

Stefan Heym wurde 1913 mit dem Namen Helmut Flieg in Chemnitz geboren, als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Der überzeugte Sozialist floh vor den Nationalsozialisten in die Tschechoslowakei, und später in die USA. Er wurde dort amerikanischer Staatsbürger und landet mit den amerikanischen Truppen 1944 in der Normandie. Aus Protest gegen den Korea-Krieg der Amerikaner gab er seine Staatsbürgerschaft wieder auf und ging zurück in die DDR. Parteimitglied in der SED war der Schriftsteller nie.

Stefan Heym als PDS-Abgeordneter im Bundestag

Sein Roman “Der König David Bericht” über das Verhältnis von Geist und Macht war bei seinem Erscheinen in der DDR eine kleine Sensation. Stefan Heym blieb immer Sozialist, auch als er nach der Wiedervereinigung bis 1995 für die PDS im Deutschen Bundestag saß. Er starb 2001 in Jerusalem, während einer Reise zu einem Symposium – über den ‘Dissidenten’-Dichter Heinrich Heine.

 

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