Zwischen Krise und Hoffen: Der deutsche Buchmarkt

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Der Buchmarkt ist in Krisenstimmung. Immer weniger Menschen nehmen ein Buch in die Hand, sondern schauen lieber aufs Smartphone. Wir blicken auf die Fakten: Wie hat sich der Buchmarkt in jüngster Zeit entwickelt?

Umsatz – Wie geht es dem deutschen Buchmarkt?

Je nach dem, wie man die Dinge betrachtet. Zahlen lügen ja bekanntlich nicht. Oder doch? Schaut man sich die Umsatzzahlen der Buchbranche für 2017 an, so ist eine leichter Rückgang um 1,6 Prozent zu verzeichnen. Der Umsatz betrug im vergangenen Jahr 9,13 Milliarden Euro. Das ist doch eine stolze Summe, werden jetzt viele sagen. Ist es auch.

Vor allem, wenn man sich zum Vergleich die Zahlen verwandter Branchen anschaut: Die Musikindustrie kam auf 1,59 Milliarden Umsatz, Computer- und Videospiele auf 2,4 Millionen und die Filmwirtschaft auf 2,88 Millionen Euro. Und im Langzeitvergleich hat die Buchbranche also im Vergleich zur Jahrtausendwende auch nur einen Verlust von rund 1 Prozent zu verzeichnen.

Doch der Teufel steckt im Detail. Die reinen Umsatzzahlen sagen noch nicht allzu viel aus über das Lese-Verhalten der Deutschen. Die lesen einfach generell weniger, das haben Studien erwiesen. Und sie lesen vor allem weniger Bücher! Da macht sich die digitale Konkurrenz der Unterhaltungsindustrie bemerkbar. Das klassische Buch ist ja nur ein kleiner Bestandteil der immer noch großen Umsatzzahlen!

Titelflut – Wie viele Bücher erscheinen 2018?

Im Buchjahr 2017 sind exakt 82.636 Titel erschienen. Vor einem Jahrzehnt lag die Zahl bei rund 95.000. Ein starker Rückgang also. Trotzdem wird der ein oder andere jetzt zu Recht fragen: So viele Titel, wer soll das alles lesen? Auch hier gilt: Der Teufel liegt im Detail. Positiv könnte man sagen: Es werden sogar noch mehr Titel produziert als die aufgelisteten 82.636 – E-Books und Print-on-Demand-Produktionen sind nur zu einem geringen Teil erfasst. Und die Zahlen bei den Erstauflagen sind auch nicht schlecht, hier gibt es ein nur geringes Minus.

Qual der Wahl – die enorme Titelflut hält an

Das Minus zeichnet sich vor allem bei den Backlist-Titeln ab, sprich: Es gibt immer mehr Bücher, die nicht mehr wiederaufgelegt werden und unter Umständen schnell ins Moderne Antiquariat abwandern. In den Buchhandlungen ist das deutlich sichtbar. Einige Bestseller stapeln sich dort meterhoch. Fragt der Kunde aber nach Titeln, die es nicht in die Bestseller-Listen geschafft haben, müssen viele Händler passen.

Bücher und mehr – Was kaufen die Leser?

Am meisten gekauft werden immer noch Hardcover-Ausgaben. Das ist zudem eine Erklärung dafür, dass die Umsatzzahlen insgesamt nur wenig runter gingen – obwohl die Deutschen weniger Bücher lesen. Die Erklärung ist einfach: Gebundene Bücher sind teurer, das treibt die Umsatzzahlen in die Höhe – auch wenn weniger Bücher verkauft werden.

Taschenbücher befinden sich weiter im Abwärtstrend. Das früher sehr beliebte, preiswerte Taschenbuch leidet, so die Vermutung der Experten, an der digitalen Konkurrenz: “Vor allem unterhaltsames, kurzlebiges Lesefutter” wird mehr und mehr digital verschlungen.

Kein einheitliches Bild ergibt sich beim Segment Hörbuch/Audiobook. Hier gehen die Verkaufszahlen ebenfalls zurück. Aber auch dort: Literaturlesungen und anderes hören sich die Menschen heutzutage lieber direkt über Downloads und Streamingdienste an. Diese Zahlen sind in der Statistik nicht erfasst.

E-Books contra Bücher – Lesen die Menschen heute digital?

Die optimistischen Träume über die Zukunft des E-Books, die noch vor zehn, fünfzehn Jahren die Branche in Aufregung versetzten, sind schon seit ein paar Jahren zerstoben. E-Books werden in Deutschland gelesen und gekauft, sie haben das klassische Buch aber nicht verdrängt. Der Umsatzanteil am Buchmarkt betrug 2017 lediglich 4,6 Prozent. Der Anteil ist zwar höher als in den Vorjahren, die Wachstums-Kurve steigt aber kaum noch.

Bücher müssen sich neben digitalen Produkten nicht verstecken

Trotzdem lesen immer mehr Menschen E-Books, da diese aber immer billiger werden, steigt der Umsatz kaum. Insgesamt gilt auch hier: “Rasante Zuwachsraten gehören schon länger der Vergangenheit an – der Käuferschwund, der den Buchmarkt insgesamt erfasst, geht auch am E-Book nicht vorbei.”

Romane, Krimis, Science-Fiction – Was wird am liebsten gelesen?

Und was lesen die (verbliebenen) treuen Leser? Immer noch am liebsten Belletristik, mit 31,9 Prozent ist das – so die Statistik – “die tragende Säule beim Gesamtumsatz im deutschen Buchhandel”. 

In dieser Gruppe führt die “erzählende Literatur” mit weitem Abstand, also die “ganz normalen” Romane und Erzählungen ohne spezifische Genre-Einordnung. Auf dem zweiten Platz folgt das Segment “Krimi und Spannung”, überraschenderweise mit leichtem Rückgang. Auf den Ehrenplätzen mit weitem Abstand folgen: “Comic, Cartoon, Humor und Satire”, “Geschenkbücher” und “Science-Fiction und Fantasy”.

Und außerhalb der Belletristik? Kinder- und Jugendbücher behaupten sich auf Platz 2, dann folgen Ratgeber, die für den Umsatz im Buchhandel immer wichtiger werden. Auf den weiteren Plätzen: Schul- und Lernbücher (die einzige Gruppe, die ein Umsatzplus verzeichnete), schließlich Sachbücher.

Der Leser – Das unbekannte Wesen?

Wer liest denn da (noch)? Auch dazu gibt es detaillierte Statistiken. Und hier wird das ganze (Lese-)Drama, wenn man es denn so nennen will, deutlich: “Alles in allem hat der Buchmarkt zwischen 2013 und 2017 rund 6,4 Millionen Käufer verloren”, heißt es da nüchtern. Das sind traurige Zahlen.

Frauen lesen mehr als Männer

Immerhin: In der Rangliste der liebsten Freizeitbeschäftigungen der Deutschen ist das Lesen um einen Platz von Rang 14 auf Platz 13 geklettert – weil das “Gärtnern” weniger populär war. Das ist natürlich nur ein schwacher Trost. Die Menschen sehen nach wie vor am liebsten fern, schauen Serien auf Netflix & Co., hören Radio und surfen im Internet. Fürs Bücher lesen bleibt da immer weniger Zeit. Bei Männern noch weniger als bei Frauen.

Deutsche Literatur  – Ein Exportschlager?

Und wie sieht es mit der deutschen Literatur im Ausland aus? Wird da kräftig in die große, weite englischsprachige Welt verkauft? Mitnichten. Was das Lizenzgeschäft für Übersetzungen betrifft, tauchen die englischsprachigen Länder noch nicht einmal in den Top Ten auf! China behauptet seit Jahren den Spitzenplatz. 2017 erstmals auf Platz 2 ist die Türkei. Es folgen Spanien, die Tschechische Republik, Frankreich, Italien, Russland und die Niederlande.

Um das ganze grössenmäßig einzuordnen: “Genau 7856 Werke ‘Made in Germany’ haben 2017 die deutschen Sprachgrenzen verlassen.”

In den USA und auch in Großbritannien interessiert man sich also nicht vorrangig für deutsche Bücher. Zumindest in diesem Bereich muss sich US-Präsident Donald Trump nicht vor der deutschen Exportwirtschaft im Bereich Buchmarkt fürchten.

Die Buchhandlung – Eine aussterbende Spezies?

Die Rede ist ja auch viel von der Krise des Buchhandels. Sind Büchergeschäfte eine aussterbende Spezies? Ja, in manchen Bereichen – und Nein, nicht in Gänze – so muss die korrekte Antwort lauten. Noch immer ist der “stationäre” Buchhandel, also da wo Bücher im Laden verkauft werden, mit Abstand (4,3 Milliarden Euro) der wichtigste Vertriebsweg für Bücher. Aber, das wird jeder wissen und dafür muss man kein Fachmann sein: Der Internetbuchhandel hat einen immer größeren Anteil am Kuchen. Und das nicht nur, weil Amazon mitmischt – wiewohl die Amerikaner klar marktbeherrschend sind.

Spezialbuchhandlungen halten sich besser – hier die Buchhandlung Bittner in Köln

Man kann es wohl so zusammenfassen: Die großen Filialen müssen Federn lassen, vielen mittelgroßen, selbstständigen Buchhandlungen geht es sowieso nicht gut, nur die Spezialisten behaupten sich. Dabei können sich die Buchhandlungen durchaus der Unterstützung der Politik sicher sein.

“Eine Stadt ohne Buchhandlung hat einen Teil ihrer Seele verloren”, sagte ein hochrangiger Politiker vor kurzem noch bei den Berliner Buchtagen. Kulturstaatsministerin Monika Grütters unterstützt die kleinen Betriebe mit dem Deutschen Buchhandlungspreis. Zudem will die Koalition mit weiteren Maßnahmen den Buchhandel generell schützen.

Die Buchmesse – Motor der Branche?

Mag die Buchbranche auch schwächeln. Die Buchmessen tun das nicht. Die kleinere in Leipzig im Frühjahr nicht und die weltweit größte in Frankfurt sowieso nicht. Die Buchmessen sind ein wichtiger Motor der Branche. Und sie sind längst viel mehr als ein Treffen der Verlage, bei denen neue Bücher angepriesen werden. Unter den rund 7500 Teilnehmern der 70. Ausgabe der Frankfurter Buchmesse sind viele Anbieter, die gar keine Bücher auf Lager haben. Die Buchmesse ist längst ein großes Kultur-Ereignis, oder Neudeutsch “Event”, geworden, ein “Treffpunkt der gesamten Kreativindustrie”.

Dass die Messe von Jahr zu Jahr wächst, hat sie vor allem dem Interesse aus dem Ausland zu verdanken: Mehr als 100 Ausstellerländer sind vertreten – und Fachbesucher aus über 140 Nationen. Inzwischen kommt das Ausland auf einen Anteil von 67 Prozent aller Aussteller. Die 286.000 Messebesucher aus dem vergangenen Jahr dürften 2018 übertroffen werden. Rund 3700 Veranstaltungen sorgen für einen ungebremsten Besucherstrom. Die Filmwirtschaft ist ebenso vertreten wie Bildung, Games und Wissenschaft. Und das Herz der Messe ist, wie manche Experten behaupten, sowieso das Agenten-Zentrum. Hier treffen sich rund 800 Literaturagenten aus 33 Ländern und kaufen und verkaufen – nicht nur neue Bücher.

Die Frankfurter Messe bietet längst mehr an als “nur” Bücher

Die Zukunft  – Wie geht’s weiter mit der Buchbranche?

Das kann keiner so genau sagen. Schaut man sich manche Zahlen und Statistiken an, könnte man zum Kulturpessimisten werden. Dem interessierten Leser sei die Lektüre von “Buch und Buchhandel in Zahlen 2018” (aus dessen Statistiken auch die Zitate stammen) empfohlen, hrsg. vom “Börsenverein des Deutschen Buchhandels”. Dort sind viele sinkende Kurven zu entdecken (aber auch ein paar steigende).

Aber – auch diese Frage darf erlaubt sein: Angesichts der vielen, vielen Bücher, die jedes Jahr neu auf den Markt geworfen werden, darf gefragt werden: Wer soll das alles lesen? Und es ist ja auch nicht so, dass die Branche “verkommt”. Wer Gutes lesen will, der findet auch genügend gute, anspruchsvolle Lektüre. Man muss sich vielleicht ein wenig mehr mühen als früher. Aber wer Bücher lesen will, der kann das auch in Zukunft tun.