Bulgarien: Roma-Schulen als Sackgasse

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Fast ein Drittel der Roma-Kinder im EU-Land Bulgarien gehen auf Schulen, in denen alle Schüler zu dieser Minderheit gehören – eine Folge von Ausgrenzung und Ablehnung. Rayna Breuer hat eine Roma-Schule in Sofia besucht.

Irena Tsukeva zeigt auf eine Wand mit vielen Bildern, die ein riesiges Loch verdecken. Der Lack der Heizkörper blättert ab, die Türzargen gehen aus dem Leim. “Wir renovieren gerade die Schule. Uns bleiben nur noch wenige Tage bis zum Schulbeginn”, sagt die Schulleiterin. Doch sie ist optimistisch, dass alles rechtzeitig fertig wird. Immerhin sind die Schulbücher schon ordentlich sortiert und gestapelt und in einigen Klassenzimmern fehlt nur noch der letzte Strich. Die Außenfassade bräuchte ebenfalls eine neue Farbe – doch nicht, weil die alte abgeblättert ist: “Sie sehen Hakenkreuze, Beleidigungen, Schmierereien. Wir kommen gar nicht mehr hinterher, die Wände zu säubern”, sagt Irena Tsukeva. “Das machen die Jugendlichen aus dem Viertel, die nicht unsere Schule besuchen.” Denn 98 Prozent der Schülerinnen und Schüler hier seien Roma. Aber Tsukeva, die seit 40 Jahren als Schülerin und Lehrerin mit der Schule verbunden ist, und die Einrichtung seit 15 Jahren leitet, kennt auch noch andere Zeiten: “Anfang der 2000er wurde ein neues Gesetz verabschiedet, das es den Eltern erlaubte, die Schule für ihre Kinder selber auszusuchen. Unsere Schule wurde attraktiv für die Roma-Familien aus dem Nachbarviertel, aber dadurch schickten die anderen Familien aus diesem Viertel ihre Kinder auf andere, zentralere Schulen.” Mit der Zeit habe sich die Schule dann zu einer reinen Roma-Schule entwickelt.  

Das ist in Bulgarien kein Einzelfall. Nach Angaben der EU-Agentur für Grundrechte ist der Anteil der Roma-Kinder, die in Bulgarien eine reine Roma-Schule besuchen, in fünf Jahren von 16 auf 29 Prozent gestiegen. Das ist der höchste Wert von neun süd- und osteuropäischen Ländern, die in der Studie berücksichtigt wurden.        

“Wir dürfen die Kinder nicht nach ihrer ethnischen Abstammung trennen”, sagt Irena Tsukeva. “Ich erkläre meinen Schülern immer wieder: Wir sind alle Bulgaren, weil wir in Bulgarien geboren sind.”

Ablehnung und Hass

Ressentiments gegen Roma sind in Bulgarien weit verbreitet. Die Politik unternimmt wenig dagegen. Oft befeuert sie die ohnehin schon aufgeladene Stimmung. Im Herbst 2017 wurde der Vorsitzende der Partei “Nationale Front für die Rettung Bulgariens”, Valeri Simeonov, von einem Gericht wegen einer Hassrede verurteilt. Er hatte Roma als “arrogante, überhebliche und wilde menschenähnliche Wesen” bezeichnet, die Frauen hätten die “Instinkte von Straßenhunden”. Ironischerweise ist Valeri Simeonov auch Vorsitzender des nationalen Rates für die Integration von Minderheiten. 

Rossen Bogomilov musste lange kämpfen, um seinen Traum vom Lehrerberuf zu erfüllen

Gegen diese Politik der Ausgrenzung kämpft Schulleiterin Irena Tsukeva. Sie hat das Glück, durch den Lehrer Rossen Bogomilov unterstützt zu werden. Er ist der einzige Roma-Lehrer an ihrer Schule – und ein Vorbild für die Kinder. Aber sein Weg bis zur Anstellung als Lehrer war steinig. “Nach meinem Uni-Abschluss 2013 habe ich angefangen, mich an Schulen hier in Sofia zu bewerben. Ich wurde zwar zu Vorstellungsgesprächen eingeladen, aber am Ende wurde mir immer abgesagt”, erinnert sich der Lehrer. Einige Schulen hätten ihm deutlich mitgeteilt, sie hätten ihm abgesagt, weil er Roma ist. Schulleiterin Irena Tsukeva war die einzige, die ihn aufnahm – und dazu mit offenen Armen und voller Hoffnung. Seit fünf Jahren unterrichtet er Geschichte und Geografie, seit Anfang September ist er auch stellvertretender Schulleiter.

Die Lösung: Schulen für alle

Rossen Bogomilov hat es geschafft. Obwohl er viel Ablehnung erlebte, hat er seinen Traum, Lehrer zu werden, nie aufgegeben. Seine Schüler und Schülerinnen werden es allerdings kaum leichter haben, denn die Rahmenbedingungen sind weiterhin schwierig. Er weiß, dass sich in der bulgarischen Gesellschaft noch viel ändern muss. “Die Integration wird erst dann gelingen, wenn es keine Viertel mehr gibt, in denen hauptsächlich Roma-Familien leben, wenn alle gemeinsam leben, wenn es keine segregierten Schulen gibt, wenn alle gemeinsam den Unterricht besuchen. Erst dann werden sich die Einstellungen auf beiden Seiten ändern”, sagt Rossen Bogomilov.

Rossen Bogomilov und Irena Tsukeva wollen den Roma-Kindern durch Bildung eine wichtige Grundlage für die Zukunft geben. Seit zehn Jahren bietet sie auch deren Eltern und anderen Erwachsenen die Möglichkeit, einen Schulabschluss nachzuholen. 82 Erwachsene haben ihre Prüfungen im vergangenen Jahr geschafft, der Älteste war ein 60-Jähriger. Ab diesem Schuljahr wollen Irena Tsukeva und Rossen Bogomilov einen Mediator einstellen, der sich auch um die sozialen Probleme der Roma-Schüler kümmern soll und die Brücke zwischen den Roma-Familien und der Schule schlagen soll. “Manchmal kommen die Kinder nicht in die Schule, weil sie im Winter einfach keine passenden Schuhe haben”, sagt die Schulleiterin. Deshalb sammelt sie seit Jahren Kleider, um den Ärmsten der Armen zu helfen.