Moviepass scheitert mit Kino-Flatrate

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Das Unternehmen Moviepass hat mit einem günstigen Kino-Abo die US-Amerikaner wieder vor die Leinwand gelockt. Dabei ging es um die Daten der Kinogänger. Doch der Plan ging nicht auf. Anne Schwedt aus New York.

Die Abo-Karte von Moviepass

9,95 Dollar im Monat – für diesen Preis können Moviepass-Besitzer in den USA jeden Tag ins Kino gehen. Egal welcher Film, egal wann. Bei einem durchschnittlichen regulären Preis von mehr als 16 Dollar pro Film lohnt sich der Moviepass für Kino-Fans in New York schon bei einem Kinobesuch pro Monat. “Wenn man mehr als ein Mal geht, spart man sogar noch mehr”, sagt eine Kinobesucherin in Manhattan.

Das Unternehmen Helios and Matheson Analytics schien im Herbst des vergangenen Jahres das große Los gezogen zu haben. Die Firma kaufte einen Mehrheitsanteil an Moviepass – einem bis dato verschlafenen Abo-Dienst für rund 20.000 Kinofans. Der neue Besitzer senkte den monatlichen Preis von 50 auf 9.95 Dollar und innerhalb weniger Monate explodierte die Zahl der Kunden auf über drei Millionen. Der Aktienkurs stieg von 2,5 Dollar auf mehr als 30 Dollar, bis zu sieben Prozent aller Ticketverkäufe liefen in den USA über den Moviepass. Es schien, als würde die große Leinwand im Zeitalter von Netflix und Co ein Comeback erleben.

Fehlendes Geschäftsmodell

Heute, weniger als ein Jahr später, ist von der Begeisterung jedoch wenig übrig. Der Aktienkurs von Helios und Matheson ist auf Talfahrt. Vergangene Woche fiel der Moviepass-Service sogar zeitweise komplett aus, weil das Unternehmen zahlungsunfähig war. Was fehlt ist ein durchdachtes Geschäftsmodell. Von den vielen gewonnen Nutzern hat Moviepass zunächst einmal nichts. Im Gegenteil: Mit jedem neuen Moviepass-Nutzer macht die Firma Verluste.

Flatrate für das Kino – Moviepass hat das möglich gemacht

Während die Abonnenten nämlich für sie kostenlos mit einer speziellen Kreditkarte an landesweit über 90 Prozent der Kinokassen bezahlen können, zahlt Moviepass den Kinobetreibern in der Regel den vollen Ticketpreis. Um diese Verluste so gering wie möglich zu halten, spekulierte das Unternehmen darauf, dass die Nutzer mit der Zeit seltener von ihrem Moviepass Gebrauch machen würden. “Ich glaube nicht an diese Strategie”, sagt Ross Gerber, Gründer der Beratungsfirma Gerber Kawasaki. “Wenn die Leute keine Lust mehr haben, kündigen sie einfach kostenlos ihre Mitgliedschaft”, sagt er. Anders als beispielsweise bei einer Mitgliedschaft im Fitness-Studio hätten sie da weniger Hemmungen.

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Daten als Einnahmequelle

Moviepass lässt sich von diesen Verlusten jedoch nicht verunsichern. Es gehe vordergründig auch gar nicht darum, Geld mit den Abos zu verdienen. Man sei ja in erster Linie eine Analysefirma, sagte Moviepass. Die Idee ist also, irgendwann Geld mit den Daten machen zu können, die bei jedem Kinobesuch von den vielen Nutzern gesammelt werden. Moviepass CEO Mitch Lowe sagt, man wisse “alles” über die Kunden.

Analysten sind jedoch skeptisch, ob Filmstudios für diese Daten wirklich so viel Geld ausgeben würden. “Facebook und Google wissen alles über jeden von uns. Es gibt nichts an Daten, die Moviepass sammeln könnte, die besser wären”, sagt Branchenkenner Gerber. Hinzu kommt noch, dass das Geschäft mit Daten erfahrungsgemäß auch Risiken mit sich bringt – wenn die Daten ohne Zustimmung der Kunden genutzt und verkauft werden.

Viele Moviepass Nutzer wissen gar nicht, dass sie ihre billige Film-Flatrate letzten Endes mit ihren Daten bezahlen. “Ich glaube, Moviepass ist so billig, weil die Verträge mit den Kinos haben und das dann sozusagen Werbung für die Kinos ist”, so eine unwissende Moviepass-Nutzerin in New York.

Neuanfang oder das Ende?

Die Tatsache, dass Moviepass versucht, Nutzerdaten zu sammeln, hat für Kritik und Negativschlagzeilen gesorgt. Das Unternehmen sah sich anschließend gezwungen, zu versprechen, keine Daten weiterzuverkaufen. Jetzt sucht Moviepass krampfhaft nach anderen Einnahmequellen. Die Versuche reichen von eigenen Filmproduktionen, über T-Shirts und Tassen zu extra Gebühren für bestimmte Filme und Zeiten.

Screenshot der Online-Seite von Moviepass – mittlerweile wurde die Flat-Rate eingeschränkt auf drei Kinobesuche im Monat

Kürzlich kündigte Moviepass sogar an, die monatliche Gebühr auf knapp 15 Dollar zu erhöhen. Diese Idee wurde aber schnell zurückgenommen und mit einer neuen Regulierung ersetzt. Ab nächsten Monat sollen Moviepass-Nutzer mit ihrem Abonnement nur noch drei Filme pro Monat sehen dürfen. Jeder weitere soll dann extra kosten. “Wenn Moviepass eine eigene Kinokette hätte, würde das Geschäftsmodell mehr Sinn machen”, sagt Analyst Gerber. Dann hätte das Unternehmen auch was von den vielen Kinobesuchern und könnte Geld mit Popcorn, Essen oder Parken verdienen.

Doch dafür könnte es schon zu spät sein, denn die Konkurrenz hat längst reagiert. Ende Juni kündigte die größte Kinokette im Land, AMC, ein eigenes Aboangebot an – bei dem auch Filme in 3D, 4D oder IMAX mit dabei sind. Anders als Moviepass können die Kinos selbst bei solchen Angeboten direkt mit den Produktionsstudios niedrige Preise aushandeln.

Immerhin, da sind sich Experten sicher, habe Moviepass die Branche aufgerüttelt. “Moviepass hat gezeigt, dass Leute wieder ins Kino gehen würden, wenn der Preis stimmt”, sagt Gerber. Seiner Meinung nach habe Moviepass den großen Kinoketten gezeigt, dass sie bei ihrer Preisgestaltung kreativer sein müssen, um ein Comeback der Kinoleinwand möglich zu machen. Ob es Moviepass dann noch gibt, wenn das passiert, ist aber fraglich.