„Gott lebt, und ich stehe vor seinem Angesicht“

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Vom „Leben in Gottes Gegenwart“ sprechen die Teresianischen Karmelitinnen – Alfred Herrmann von der katholischen Kirche fragt in seiner Reihe zu spirituellen Wegen von Orden und Klöstern diesmal nach dem Inneren Beten.

Das Innere Gebet führt wie ein Labyrinth ins Innerste des Menschen, um dort Gott zu begegnen.   Foto: Alfred Herrmann

Ausspannen im Kloster. In Ruhe und Abgeschiedenheit Antworten auf Lebensfragen suchen oder einen spirituellen Impuls empfangen. Wer sich auf einen Klosteraufenthalt einlassen möchte, hat die Auswahl zwischen verschiedensten Ordensgemeinschaften. Da gibt es Gästehäuser der benediktinischen Abteien oder Exerzitienzentren der Jesuiten, ein Haus der Stille der Karmeliten oder Orte aktiven Mitwirkens in franziskanischen Gemeinschaften. Kloster ist nicht gleich Kloster, Ordensweg ist nicht gleich Ordensweg. Es lohnt daher, diese unterschiedlichen spirituellen Wege des Christentums zu erkunden.

„Gott lebt, und ich stehe vor seinem Angesicht“ (1 Kön 17,1). Es ist dieser Ausruf des Propheten Elija, der die karmelitanischen Orden prägt. Das „Stehen vor Gott“ bildet ihren spirituellen Kern. Sie suchen ein Leben in der Gegenwart Gottes, eine persönliche, freundschaftliche und innige Beziehung zu Gott. Sie nehmen Gott im Alltäglichen und Gewöhnlichen wahr, und das zu jeder Zeit. Ein zutiefst kontemplativer Weg in der Spannung zwischen Einsamkeit und Gemeinschaft.

Im Inneren Gott begegnen

„Jeder soll für sich in seiner Zelle oder in deren Nähe bleiben, Tag und Nacht über die Weisungen des Herrn nachsinnend und in Gebeten wachend.“ Das siebte Kapitel der Karmelregel hebt auf die Eremitage des Einsiedlers ab und damit auf die Tradition der einstigen Eremiten vom Berg Karmel. Der lose Einsiedlerverbund bildet den Ursprung des im 13. Jahrhundert entstandenen Ordensweges. Teresa von Ávila gab dem Karmelitanischen im 16. Jahrhundert eine moderne Wendung.

Die Spanierin interpretierte dieses entscheidende Kapitel der Ordensregel um. Aus ihrer mystischen Erfahrung wusste sie: Jede Karmelitin trägt die Zelle des Einsiedlers im eigenen Herzen. Nicht in einem äußeren Raum, sondern tief im Innern der Menschen befindet sich der Ort der Gottesbegegnung. Im Herzen wird Jesus Christus präsent. Tag und Nacht konzentrierte sie sich daher auf ihr Inneres, um stets bereit zu sein für die Begegnung mit Gott, die in ihr überall auf der Welt widerfahren konnte. Teresas sogenannte Innere Beten entwickelte sich zu einer Lebenshaltung, die eine Ordensfrau den ganzen Tag ausfüllt, egal wo sie ist, egal was sie macht – ein immerwährendes Beten.

Das Innere Beten wurde für Teresa zum zentralen Weg, ihrem Freund Jesus Christus zu begegnen. Sie entdeckte im Menschen Jesus von Nazareth einen Zugang zum sonst unfassbaren Gott. Mit dem menschlichen Jesus konnte sie Gefühle und Bedürfnisse, Freud und Leid teilen. Mit dem menschgewordenen Gott war eine persönliche Beziehung, eine innige Freundschaft auf Du und Du möglich. Das Innere Beten beschreibt Teresa im Buch „Das Buch meines Lebens“ als „das Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt“.

Teresianische Karmelitin zu sein, bedeutet daher auch heute, ständig in Verbundenheit mit Jesus Christus zu leben und den Alltag davon prägen zu lassen – ein Leben in Gottes Gegenwart. Inneres Beten ist daher eine Lebenseinstellung, ein bewusstes Leben im Blickfeld Gottes. Dazu braucht es eine ständig aufrechtzuerhaltende Offenheit, Achtsamkeit für die Gegenwart Gottes und die Aufmerksamkeit gegenüber seinen Antworten. Gott kann einem Menschen überall begegnen, so die Überzeugung Teresianischer Karmelitinnen: in der Meditation, im gemeinschaftlichen Psalmgebet, aber auch mitten im Alltag, in der Küche, auf dem Weg zum Bus, beim Arzt, in jedem Menschen. Für die Ordensfrau bilden diese Momente der Selbstmitteilung Gottes keine Selbstverständlichkeit. Sie bleiben Geschenk, das man nicht erzwingen kann. Aber man sollte innerlich darauf vorbereitet sein.

Es braucht eine Atmosphäre der Stille

Dazu braucht es eine Atmosphäre der Stille. Schweigen bedeutet hier, sich und dem Anderen Raum zu lassen für das Gespräch mit Gott. Die Nonnen leben in Klausur und versuchen, in ihrem Herzen stets wach und sensibel zu bleiben für die Nöte der Welt und die Probleme der Menschen. Sie nehmen die Zeichen der Zeit auf und spüren in sie hinein.

Die Teresianischen Karmelitinnen von Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee zum Beispiel stellen sich an der Gedenkkirche der katholischen Kirche für die Opfer des Nationalsozialismus Gesprächen mit Gruppen, mit Schülern, mit Senioren. Sie zeigen sich offen für die politischen Fragen der Zeit, bieten geistliche Begleitung, wenden sich den Menschen bewusst zu, die mit ihren Sorgen und Nöten zu ihnen kommen. Sie laden mit ihrem „Haus der Stille“ dazu ein, ihre Lebensweise, ihren spirituellen Raum der Stille mit ihnen zu teilen. 

 

Alfred Herrmann, 1972 in Würzburg geboren, arbeitet als freier Autor in Berlin. Vor kurzem erschien im Bonifatius-Verlag sein Buch „Sich Gott nähern – Frauenorden in Deutschland“.