Der Brand von Grenfell Tower: Die Trauer sitzt tief

0
12

Vor einem Jahr brannte im Londoner Westen das Hochhaus Grenfell Tower. 71 Menschen verloren ihr Leben, der Brand erschütterte damals die gesamte Gegend. Die Folgen sind heute noch spürbar.

Wenn Hamid Wahbi in der Golborne Road in Londons Westen von seinem Motorrad steigt, gibt es erst einmal ein großes Hallo: Der gebürtige Marokkaner scheint hier, nur ein paar Straßen vom Grenfell Tower entfernt, alle zu kennen, vor allem die Männer, die in den portugiesischen Cafés in der Sonne sitzen, stundenlang mit einem Tässchen schwarzen Kaffees auskommen. Herzliche Begrüßungen, brüderliche Umarmungen, animierte Diskussionen in Arabisch – bis plötzlich ein schwarzer Kleinwagen vorbeifährt, mit heruntergelassener Scheibe, der Beifahrer Hamid eine kurze Begrüßung zuruft, Hamid sie herzlich erwidert. Und dann sagt er leise : “Das war mein Freund Hassan. Er hat seine Frau und seine beiden Töchter im Feuer verloren.”

Die Trauer sitzt tief in der Gegend um Grenfell. Hamid Wahbi ist hier zuhause. Er wohnte im 16. Stock des Hochhauses, konnte sich retten, weil er fit war: Er habe immer die Treppen genommen, nie den Lift. Vor dem Brand fühlte er sich stark, ging in seiner Freizeit boxen – nun habe er viel Gewicht verloren, sagt er, während er im Cafe auf der Straße sitzt, nichts isst oder trinkt, weil er den Ramadan einhält: ein schmaler Mann mit fahrigen Gesten, seine Tasche klafft immer wieder auf, große Schachteln mit Medikamenten fallen fast auf die Straße. Jede Woche geht er zum Psychologen, aber geholfen habe ihm das noch nicht: “Stell Dir vor: Von einem Tag auf den anderen passiert eine Katastrophe, zerstört dein ganzes Leben. Ich habe immer hart gearbeitet, aber wofür? Es ist doch alles sinnlos, wenn man so leicht seinen ganzen Besitz verlieren kann.”

Grenfell Tower: Die frisch installierte Außenverkleidung des Hochhauses brannte wie Zunder

Glücklicherweise war seine Familie in der Brandnacht nicht in der Wohnung: Sohn und Tochter waren bei Verwandten, die Mutter, die im Rollstuhl sitzt, war in Marokko, um dort den Ramadan zu feiern. Bei dem Gedanken, sie hätte zu Hause sein können, zittert Hamids Stimme. Ältere und gebrechliche Menschen hatten im Inferno, das sich in Windeseile ausbreitete, kaum eine Chance.

Täglich zur Anhörung

71 Menschen kamen vor einem Jahr ums Leben. Aber nicht nur diejenigen, die unmittelbar betroffen waren, haben mit den Folgen zu kämpfen. Der Brand hat die gesamt Gegend erschüttert, denn alle haben ihn miterlebt. Fast die ganze Nacht lang hatte das 24-stöckige Gebäude gebrannt. Alle konnten hören, wie die Eingeschlossenen verzweifelt aus den Fenstern um Hilfe schrieen, konnten sehen, wie sich einige aus dem Fenster stürzten. “Wir haben hier gerade erst damit begonnen, alles zu verarbeiten”, sagt Reverend Michael Long von der Methodisten-Kirche in Notting Hill. Wie seine gesamte Gemeinde hat auch er das Feuer aus der Nähe miterlebt.

Nach dem Brand: Überreste einer Wohnung im Grenfell Tower

Mittlerweile ermittelt die Polizei, warum sich das Feuer so schnell verbreiten konnte, und auch eine öffentliche Anhörung will die Umstände der Tragödie aufklären. Viele der Überlebende gehen fast jeden Tag zur Anhörung – so auch Hamid Wahbi. Er ist ungeduldig, will schneller eine Antwort haben, als die Anhörung es verspricht.  Fast ein ganzes Jahr lang habe man darauf warten müssen, und Hamid ist nicht sicher, ob sich irgendetwas ändern wird: “Business as usual”, danach würde alles weitergehen wie vorher, fürchtet er. Trotzdem will er weiter bei der Anhörung dabei sein, um Antworten auf all die Fragen zu finden, die ihm im Kopf herumgehen.

Die Schuldfrage

Dabei soll in der Anhörung geklärt werden, wer die Schuld trägt: Waren es die Baufirmen, die hoch entzündliches Isoliermaterial geliefert haben? Waren es die Firmen, die das Gebäude instandgehalten haben? Oder waren die gesetzlichen Regulierungen zu schwach? Höchstwahrscheinlich war es eine Kette von Fehlern, die zu der Katastrophe führten. Der Verdacht vieler Anwohner: Weil die meisten Wohnungen Sozialwohnungen waren, wurde an allen Ecken und Enden gespart. Für sie war es Mord, sagt Clarrie Mendy, die ihre Cousine Mary sowie Marys Tochter Khadija im Feuer verloren hat: “Sie haben es nicht verdient, in einem Krematorium in den Wolken ihr Leben zu beenden.” Man wolle die Verantwortlichen wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht sehen, ergänzt Yvette Williams, eine der Aktivistinnen der Hilfsorganisation Justice4Grenfell.


  • Sechs Monate nach dem Inferno

    Eine gewaltige Fackel

    Gegen ein Uhr in der Nacht auf den 14. Juni 2017 wurde die Londoner Feuerwehr alarmiert. Im Hochhaus Grenfell Tower in Kensington brannte es. Schon nach kurzer Zeit hatte sich ein kleines Feuer in einer Wohnung zu einem Großbrand entwickelt. Für Dutzende von Menschen kam jede Hilfe zu spät.


  • Sechs Monate nach dem Inferno

    Das Haus Windsor trauert mit

    Sechs Monate danach nahmen an einem Trauergottesdienst in der St-Pauls-Kathedrale auch Mitglieder der Königsfamilie teil, darunter (vorn v.l.) Prinz Harry, die Herzogin von Cambridge, Prinz William, die Herzogin von Cornwall und Thronfolger Prinz Charles.


  • Sechs Monate nach dem Inferno

    Nur noch eine Ruine

    Seit dem Brand Mitte Juni steht vom Grenfell Tower nur noch eine verkohlte Ruine. Die Vermutungen gehen dahin, dass ein defekter Kühlschrank das Feuer ausgelöst hat. Die brennbare Außendämmung des Hochhauses gilt jedoch als Hauptursache dafür, dass sich ein kleiner Brand so schnell zu einem verheerenden Feuer ausweiten konnte.


  • Sechs Monate nach dem Inferno

    Suche nach Vermissten

    Während des Brandes konnte die Feuerwehr 65 Menschen aus dem Haus retten. Das Feuer brannte an manchen Stellen im Gebäude 24 Stunden lang. Erst als der Brand vollständig unter Kontrolle war, konnte die Suche nach Vermissten beginnen. Dabei ist zunächst noch unklar, ob Einsturzgefahr besteht.


  • Sechs Monate nach dem Inferno

    Schweigeminute

    Mehr als 200 Feuerwehrleute und 100 Sanitäter waren bei dem Brand im Einsatz. Nach tagelanger Arbeit lagen sich bei einer Schweigeminute Feuerwehrleute und Anwohner in den Armen.


  • Sechs Monate nach dem Inferno

    Königliche Anteilnahme

    Zwei Tage nach dem schwersten Feuer der britischen Nachkriegsgeschichte redete Königin Elisabeth II mit Anwohnern und sprach ihnen Trost zu. Die 91-Jährige erwies sich, wie so oft in ihrer mehr als 65-jährigen Regentschaft, als Ruhepol.


  • Sechs Monate nach dem Inferno

    Anti-Regierungs-Proteste

    Die Königin kam, auch Oppositionsführer Corbyn, erst später ließ sich Premierministerin May blicken. Das nahmen ihr viele Menschen übel. Auch stellte sich heraus, dass Sicherheitswarnungen nicht ernst genommen worden waren. Nur wenige Tage vor dem Brand hatten die Konservativen bei einer Unterhauswahl Federn gelassen, die Labour-Opposition versuchte, die Unzufriedenheit politisch auszunutzen.


  • Sechs Monate nach dem Inferno

    Evakuierung

    Bewohner ähnlich gebauter Hochhäuser müssen aus Sicherheitsgründen ihre Wohnungen verlassen, bis Sicherheitsmängel behoben sind. Im Grenfell Tower befanden sich Sozialwohnungen; der Anteil von Minderheiten unter den Bewohnern war hoch. Manche Familien haben bis heute keine dauerhafte Unterkunft in ihrem alten Viertel gefunden, obwohl ihnen das von der Regierung zugesagt worden war.


  • Sechs Monate nach dem Inferno

    Auswirkungen bis nach Deutschland

    Auch in anderen Ländern wachsen die Zweifel an der Sicherheit von Hochhäusern im Brandfall. Zwei Wochen nach dem Feuer im Grenfell Tower wird ein Hochaus in Wuppertal geräumt, weil die Fassadendämmung der des Grenfell Tower ähnelt.

    Autorin/Autor: Christoph Hasselbach


Wenn die Anhörung Fortschritte macht, die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden, kann es wohl endlich auch für die Opfer weiter gehen. Hamid Wahbi will wieder arbeiten – sein kleiner Straßenstand mit gegrillten Fisch, direkt gegenüber vom portugiesischen Café O´Porto in der Golborne Road, lief gut. Jetzt klafft dort, wo bis vor einem Jahr sein Stand war, eine Lücke, in der Hamid sein Motorrad parkt, wenn er mit alten Kunden und marokkanischen Freunden zusammen sein will. Noch fühlt er sich nicht stark genug, um wieder in seinen Beruf zurück zu kehren, zu Kunden freundlich zu sein, als wäre alles in Ordnung: Er braucht mehr psychologische Unterstützung und endlich eine eigene Wohnung, meint er. Wie viele andere Überlebende wohnt er noch immer in einem Hotel.

Wenn er es endlich geschafft hat, wieder auf die Beine zu kommen, will er es sich zur Aufgabe machen, anderen zu helfen, so gut er kann. Denn  in der Nacht des Feuers musste er viele Nachbarn zurücklassen; er konnte sie nicht retten. Aber erst einmal muss er sich selbst helfen – und das Bild in seinem Kopf verarbeiten, das Bild einer ausgebrannten Hochhaushülle namens Grenfell.