Rami Be’er: “Israels 70. Geburtstag ist ein Wunder”

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Rami Be’er kam im Kibbuz zur Welt, kämpfte freiwillig in der israelischen Armee und leitet heute eine berühmte Tanzkompanie. Tanzen könne keine Probleme lösen, aber Fragen aufwerfen, sagt der Profitänzer im DW-Interview.

DW: Am 14. Mai 1948 rief David Ben-Gurion einen unabhängigen Staat Israel aus. Stoßen Sie auf den 70. Geburtstag der Staatsgründung an?

Rami Be’er: Natürlich feiere ich. Ich bin hier geboren und ich habe mich dafür entschieden, hier zu bleiben. Hier in Israel, hier im Kibbuz, um die Kibbutz Contemporary Dance Company weiterzuentwickeln. Die Geschichte der Tanzkompanie ist sehr eng mit dem Tag verbunden, an dem Israel geboren wurde, denn 1948 erreichte Yehudith Arnon, die Gründerin der Kompanie, diese unbewohnten Hügel hier im Norden von Israel. Gemeinsam mit meinen Eltern und einer Gruppe von Flüchtlingen aus Ungarn und der Tschechoslowakei gründete sie den Kibbuz – und das Land Israel. Der Geburtstag der Staatsgründung ist also auch der Geburtstag dieses Kibbuzim und dieser Tanzkompanie, denn Yehudith sorgte von Anfang an dafür, dass die Menschen um sie herum tanzten.

Wovon träumten ihre Tanzlehrerin Yehudith Arnon und ihre Eltern damals? Was war ihr Ziel?

Alle, die den Kibbuz gründeten, waren Überlebende des Holocaust. Sie wollten ein neues Leben beginnen, eine Zukunft. Sie waren eine Gruppe von Idealisten, die an den Kommunismus glaubten. Sie hatten sich dazu entschieden, ein neues Leben zu leben, in einer völlig neuen Gesellschaftsform, die sich Kibbuz nannte. Alle sollten gemeinsam arbeiten und alles teilen. Das war völlig anders als alles, was sie aus Europa kannten. Aber sie hatten ein Ideal, dem sie folgten. Sie schufen nicht nur diesen Kibbuz, sie gründeten das Land.

Hatten die Menschen im Kibbuz denn überhaupt Zeit zu tanzen, obwohl sie dabei waren, wie Sie sagen, ein ganzes Land aufzubauen? 

Offiziell wurde die Kibbutz Dance Company 1973 nach dem Yom-Kippur-Krieg gegründet. Damals tanzten die Mitglieder des Kibbuz nur einmal in der Woche, den Rest der Zeit arbeiteten sie auf den Feldern und in den Fabriken des Kibbuz. Ich wurde 1980 Mitglied der Kompanie, als Tänzer und als Choreograph, nachdem ich meinen Armeedienst geleistet hatte. Damals tanzten wir drei Mal die Woche, die restliche Woche arbeitete ich in den Avocado-Plantagen und in den Fabriken. Das änderte sich erst in den späten 1980er Jahren als die Kompanie wirklich professionell wurde.

Blick auf den ehemaligen Speisesaal des Kibbuz Ga’aton. Heute proben hier die Tänzer

Heute teilen sich die Kibbuz-Bewohner nicht mehr ihr Einkommen zu gleichen Teilen. Ist der Mythos Kibbuz am Ende?

Der Kibbuz lebt noch, aber er hat sich verändert – so wie sich eben auch unsere Welt verändert hat. Heute leben in Kibbuzim vor allem Familien, weil sie die Natur genießen, aber auch weil sie die Verbindlichkeit innerhalb der Gemeinschaft schätzen. Es ist noch immer eine einzigartige Gesellschaftsform, in der Werte nach wie vor eine Rolle spielen.

Sie haben Ihren Militärdienst erwähnt. Ihnen wurde damals angeboten, in eine Tänzergruppe innerhalb der Armee zu gehen – um für die Truppen zu tanzen. Sie lehnten ab und bewarben sich stattdessen freiwillig bei einer Kampfeinheit. Weshalb?

Ich wollte so gut wie möglich dieses Land verteidigen. Und ich hatte damals das Gefühl, kämpfen wäre das Richtige in diesem Sinne. Die Entscheidung hatte auch viel damit zu tun, wie ich aufgewachsen bin, in meiner Familie, in meiner Schule, aber auch mit meiner Persönlichkeit. Ich dachte damals, diese Erfahrung würde mir eine neue Perspektive auf das Leben eröffnen.

Nach dem Wehrdienst, der in Israel für Männer drei Jahre und für Frauen zwei Jahre verpflichtend ist, haben Sie im ersten Libanonkrieg 1982 gekämpft.

In Israel muss man auch nach den drei Jahren in der Armee noch als Reservist dienen. Als solcher war ich im Libanonkrieg. Eines meiner Stücke heißt “Tagebuch eines Reservisten”. Es handelt vom inneren Konflikt eines Menschen, der sich seine eigenen Gedanken macht, der Gefühle hat, der als Soldat aber Befehle befolgen muss. Wissen Sie, die Zeiten ändern sich. Ich kann nicht sagen, wie ich mich heute entscheiden würde, ob ich noch einmal in eine Kampfeinheit gehen würde anstatt als Tänzer in der Armee zu dienen. Vielleicht aber schon. Ich weiß es nicht. Ich glaube noch immer, dass Israel eine starke Armee braucht. Israel muss sich noch immer jeden Tag schützen.

Was heißt das genau?

Wissen Sie, wir leben hier in einer Region voller Konflikte. Es ist kompliziert, ich werde nicht ins Detail gehen, aber es ist nicht einfach schwarz und weiß. Ich glaube, Israel braucht eine Armee, um sich zu verteidigen. Gleichzeitig müssen wir aber versuchen, das Gespräch zu suchen. Beides muss in meinen Augen gleichermaßen geschehen, nicht das eine oder das andere.

Sie haben besondere Tanzprogramme und Stipendien für die Menschen aus den arabischen Nachbardörfern ins Leben gerufen.

Ich glaube, Kunst und kreatives Schaffen, Tanz und Musik können Menschen verbinden, weil sie das Herz berühren. Das kann Kommunikation, sogar einen Durchbruch bewirken, auch wenn der Hintergrund der Menschen ein völlig anderer ist. Dies ist unser kleiner Beitrag, um eine bessere Welt zu erschaffen. Ich bin nicht naiv, aber ich glaube ein Wandel kann nur im Alltäglichen geschehen.

Auf der anderen Seite ist der Kibbuz Ga’aton aber von einem Stacheldrahtzaun umgeben. Ist das wirklich nötig?

Den Zaun gibt es aus Sicherheitsbedenken. Jeder Kibbuz in Israel wird durch einen Zaun gesichert. Ja, wir brauchen ihn.

Tänzer der Kibbutz Contemporary Dance Company bei der künstlerischen Arbeit

Viele Ihrer Stücke sind in meinen Augen sehr gesellschaftskritisch – auch in Bezug auf Israel. Ihr neues Stück heißt “Asyl” – ein Thema, das in Israel gerade kontrovers diskutiert wird. Die Regierung will aktuell tausende Asylbewerber aus Afrika, die bereits seit Jahren in Israel leben, abschieben. In “Horses in the Sky” erkenne ich Menschen in einer Kriegssituation, voller Verzweiflung und Schmerz.

Mich inspiriert, was um mich herum geschieht. Ich habe mich dazu entschieden, mich in meinem Schaffen mit den Dingen zu beschäftigen, die unsere Existenz, unser Dasein betreffen. Tanz bedeutet nicht einfach reine Bewegung oder reine Ästhetik oder Anordnung. Ich glaube, wir können mit Tanz ein paar Fragezeichen setzen – durch die Auswahl der Musik, durch Bewegungen oder das Einschränken von Bewegungen. Vieles davon kommt mir ganz intuitiv in den Sinn. Tanz kann nicht unsere Probleme lösen, aber er kann Fragen aufwerfen. Und natürlich sind meine Choreographien davon beeinflusst, dass wir hier in Israel leben, im Norden des Landes, nur acht Kilometer von der libanesischen Grenze entfernt. Es ist Teil unserer Identität.

Der Kibbuz wurde schon mehrfach evakuiert, weil Raketen von der libanesischen Grenze in diese Richtung abgefeuert wurden. Haben Sie keine Angst, an diesem Ort zu leben?

Israel ist Konflikte gewöhnt, sowohl im Inneren als auch mit seinen Nachbarn nach Außen. Ich wurde in diese Realität hineingeboren. Dies ist Teil meiner Identität. Ich kann nicht sagen, dass ich morgens aufwache und Angst habe. Auf der anderen Seite, ja, ich mache mir Sorgen wegen der vielen Konflikte, die noch immer ungelöst sind. Manche lassen sich vielleicht bald lösen, bei anderen braucht es noch mehr Zeit und Kreativität. Aber ich bin der Überzeugung, dass wir diese Konflikte lösen müssen – sowohl die im Innern als auch die mit unseren Nachbarn, um in Ruhe und Frieden zu leben. Ich meine das nicht als bloße Schlagworte, sondern als tatsächliches Privileg, in Frieden zu leben.

Wo sehen Sie Israel in weiteren 70 Jahren? Was für eine Zukunft wünschen Sie dem Land?

Wissen Sie, zu sehen, dass Israel nun seinen 70. Geburtstag feiert, erscheint mir wie ein Wunder – sehen Sie sich dieses fantastische Land an. Auf der anderen Seite gibt es so viele ungelöste Probleme. Ich habe auch nicht ihre Lösung parat, aber ich weiß, dass wir sie lösen müssen und nicht akzeptieren dürfen, dass wir 70 Jahre lang gekämpft haben und dies nun für immer so weiter geht. Ja, wir müssen für unser Existenzrecht kämpfen, aber wir müssen zugleich einen Weg zu Verhandlungen einschlagen, eine Lösung in Frieden und Harmonie. Das mag utopisch klingen, aber wir müssen es tun, für die nächste Generation.

Rami Be’er wurde im Kibbuz Ga’aton geboren. Bereits als Kind lernte er Tanzen bei der Gründerin der Kibbutz Contemporary Dance Company, der Auschwitz-Überlebenden Yehudith Arnon. Heute ist die KCDC eine der renommiertesten Tanzkompanien der Welt, der Tänzer aus zahlreichen Ländern angehören. Alle Tänzer leben im sogenannten “Tanzdorf” des Kibbuz Ga’aton. Aktuell zeigt die Kompanie drei Stücke: “Mother’s Milk”, “Horses in the Sky” und “Asylum”.

Das Interview führte Sarah Judith Hofmann im Kibbuz Ga’aton in Israel.