AIDS: “Eine behandelbare chronische Erkrankung”

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Conchita Wurst gab bekannt, seit Jahren mit HIV infiziert zu sein. Ulrich Heide, Geschäftsführender Vorstand der Deutschen AIDS-Stiftung, erklärt, was das Coming Out nützt und wie es sich heute mit der Erkrankung lebt.

DW: Herr Heide, tragen öffentliche Bekenntnisse von bekannten Personen dazu bei, dass HIV-Infektionen und AIDS in der Gesellschaft weniger stigmatisiert werden?

Ulrich Heide: Furcht vor Diskriminierung besteht auch heute noch, aber eine HIV-Infektion ist nicht mehr das, was sie in den 1980er Jahren war, insbesondere was die Auswirkungen auf die Lebensrealität der Infizierten anging. In den 1980er und 1990er Jahren war das Outing von internationalen Künstlern wie Freddie Mercury, Rock Hudson und Keith Haring von enormer Bedeutung, um in der Öffentlichkeit Impulse Richtung Solidarität zu setzen.

Ulrich Heide, Vorsitzender der Deutschen AIDS-Stiftung

Sie haben also in den vergangenen Jahren Fortschritte bei der Akzeptanz im Umgang mit Erkrankten festgestellt?

Ja, denn AIDS ist heute eine behandelbare, wenn auch noch immer keine heilbare Erkrankung. In Deutschland leben mit rund 90.000 HIV-Infizierten etwa dreimal so viele wie in den 80er und 90er Jahren. Sie können aber, anders als damals, dank der Behandlung mit der Erkrankung weiterleben. Wer sich mit HIV infiziert und das frühzeitig über einen Test weiß, kann so therapiert werden, dass er aller Voraussicht nach lange ohne Symptomatik leben kann.

Das betrifft die Infizierten selbst – wie sieht es mit der Wahrnehmung von außen aus?

Die Menschen sind früher nicht an einer Krankheit AIDS gestorben, sondern an sogenannten opportunistischen Infektionen infolge der Immunschwäche. In den 80er Jahren war das bekannteste Bild von AIDS das Kaposi-Sarkom, eine Hautkrebsart, die zu dunklen Flecken auf der Haut führte und im Grunde ein Stigma war. Das hat sich durch die erfolgreichen Therapien verändert, weshalb das Thema heute weniger in der Öffentlichkeit steht. Außerdem ist heute bekannt, dass es bei normalen sozialen Kontakten kein Ansteckungsrisiko gibt.

Thomas Neuwirth alias Conchita schrieb in seinem Statement, er sei seit Jahren erkrankt und es gehe ihm gesundheitlich gut. Wie gut lässt es sich als Betroffener tatsächlich mit der Krankheit leben?

Die frühen Medikamente Mitte der 90er Jahre hatten sicherlich mehr Nebenwirkungen als Präparate, die es jetzt gibt. Bei den neuesten Generationen reden wir über Erfahrungen von fünf bis zehn Jahren, deshalb ist es schwierig zu sagen, wie es nach vierzig Jahren mit der Wirkung aussieht. Es gibt aber Mediziner, die sagen, sie könnten eine weitgehend normale Lebenserwartung garantieren. Ich wünsche mir das, aber wir haben noch keine so lange Erfahrung mit diesen Medikamenten, das lässt mich ein bisschen zweifeln.

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Gibt es Nebenwirkungen oder Folgeerscheinungen der Behandlung, die heute schon bekannt sind?

Menschen, die schon lange in Behandlung sind, entwickeln deutlich eher klassische Alterserkrankungen als nicht-Infizierte: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Osteoporose. Es spricht einiges dafür, dass der Erhalt der Gesundheit sowohl durch den Virus wie auch die Medikation selbst eine Herausforderung für den Körper ist.

Auf Instagram schrieb Neuwirth, er sei unterbrechungsfrei unter der Nachweisgrenze und könne den Virus nicht weitergeben.

Wir sprechen inzwischen von einer behandelbaren chronischen Erkrankung. Wenn die Viren im Blut Infizierter über mehrere Monate durch die Medikamente unter der Nachweisgrenze gehalten werden, ist die Weitergabe der Infektion so gut wie unmöglich. In der Medizin ist nichts absolut, ich würde nicht von 100 Prozent sprechen. Aber auch wenn Schwangere frühzeitig eine Kombinationstherapie erhalten und das Virus im Blut unter die Nachweisgrenze gebracht wird, ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind mit der Infektion geboren wird, extrem gering.

Sehen Sie angesichts der Fortschritte in der Therapie die Gefahr, dass die Menschen dazu neigen, wieder zu nachlässig und unvorsichtig zu sein?

Die Erfolge in der Therapie kann man nicht verschweigen. Die Fachleute sprechen allerdings von einer Falle in der Prävention: Sie funktioniert langfristig nicht über Angst, gleichzeitig fördert es das präventive Verhalten natürlich nicht, wenn die Bedrohung durch eine Infektion nicht mehr ernst genommen wird. Es gibt Infizierte, die Probleme mit der Medikation haben, physische und psychische. Mein Plädoyer ist deutlich: Sich nicht zu infizieren ist immer noch die bessere Lösung als gut therapiert zu werden.

Das Gespräch führte Torsten Landsberg.