Houston Symphony auf Europatournee

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Das Orchester Houston Symphony – jüngst ausgezeichnet mit einem Grammy – tourt aktuell mit seinem Musikdirektor Andrés Orozco-Estrada durch Europa. Die Konzerte sind voller Energie und klingen jedes Mal anders.

Im vierten Satz von Antonín Dvořáks Siebter Sinfonie baut sich eine gewaltige Spannung auf, die sich aus den vorangegangenen 30 Minuten speist. Mitten im Fortissimo ist plötzlich ein Stimmengewirr zu hören, an der Seite wird eine Tür geöffnet. Trotz Liveübertragung im Radio bricht der Dirigent ab, wartet, bis sich die Tür wieder schließt, und führt dann die Sinfonie mit großer Selbstverständlichkeit zu ihrem fulminanten Schluss.  

Dass Andrés Orozco-Estrada auf den medizinischen Notfall eines Konzertbesuchers so reagierte, erklärte er später: “Ich wollte die Situation nicht ignorieren, sondern sie respektieren, um dann von dem Punkt aus wieder fortzufahren. Das kam natürlich unerwartet, aber so ist das Leben nun manchmal.”

Der Zwischenfall und seine Erklärung unterstreichen zwei Eigenschaften dieses Dirigenten: Er beherrscht den Augenblick, reagiert spontan – und bleibt cool. Für ihn ist ein Werk klassischer Musik nichts Fernes oder Unantastbares, sondern es findet ganz im Hier und Jetzt statt.

Ganz im Hier und Jetzt: Andrés Orozco-Estrada

Seit der Saison 2014/2015 ist Orozco-Estrada Musikdirektor des Orchesters Houston Symphony, das derzeit durch Europa tourt. Am Freitag begann die Tournee im ausverkauften BOZAR-Konzertsaal in Brüssel. Bis zum 19. März werden Orozco-Estrada und sein Orchester in Essen, Berlin, Warschau, Wien, Hamburg, Hannover und München auftreten. Auf dem Programm stehen Sinfonien von Dvořák und Schostakowitsch sowie Werke von Leonard Bernstein. Zusammen mit dem Orchester tritt bei jedem Konzert auch die amerikanische Stargeigerin Hilary Hahn auf. 

Aufbruchstimmung im jungen Orchester

Auffallend in den Reihen der Houston Symphony sind die vielen jungen Gesichter. Houston ist die viertgrößte Stadt der USA und die mit der größten ethnischen Vielfalt im Lande. Das Orchester ist in seiner Gemeinde durch das “Community Embedded Musicians”-Programm aktiv: Seine Musiker bilden kleine Ensembles, die regelmäßig in Schulen, ärmeren Stadtvierteln, Krankenhäusern und Hospizen spielen, um die Menschen dort “mit der transformativen Kraft von Livemusik direkt in Kontakt zu bringen.”

Für die Live-Einspielung von Alban Bergs Oper Wozzeck, unter der Leitung seines ehemaligen Chefdirigenten Hans Graf, erhielt der Klangkörper im Herbst 2018 einen Echo Klassik und im Januar 2018 einen Grammy-Award. Vor dem Österreicher Graf war der Deutsche Christoph Eschenbach langjähriger Musikdirektor der Houston Symphony. Nach langjähriger Prägung durch Dirigenten aus Mitteleuropa öffnet sich das Orchester unter der Leitung von Andrés Orozco-Estrada nun einem neuen Repertoire – auch mit vielen Werken aus der Neuen Welt. 

Der in Wien lebende, erst 40-jährige Orozco-Estrada ist einer der gefragtesten Dirigenten seiner Generation. Er leitet auch das hr-Sinfonieorchester und ist erster Gastdirigent des London Philharmonic Orchestra. Mit dem Houstoner Orchester vermittelt er Aufbruchstimmung, auch durch seine ausladende Gestik, seine Eindringlichkeit und sprichwörtliche Spontanität. “Jede Aufführung ist anders”, sagt der Cellist Christopher French. “Manchmal wirft er uns den Ball anders zu, nur um uns auf Trab zu halten. Das sorgt bei uns sogar manchmal für Diskussionen.”

Bewusstsein schärfen durch die Musik

Unmissverständlich sind jedenfalls die Zeichen und Anweisungen des Kolumbianers am Podium. Der Rhythmus scheint jede Nervenfaser seines Körpers zu durchdringen. Zudem wirkt es so, als wolle er gleichzeitig Augenkontakt zu jedem Orchestermitglied halten – und das sind immerhin mehr als 100 Personen. Beim Brüsseler Konzert reagierte das Orchester flexibel und sofort – auch wenn die Lautstärke im BOZAR-Saal selten unter das Mezzoforte-Niveau fiel.

“Die Menschen im diesem Orchester haben einen ganz großen Zusammenhalt und lieben das, was sie tun”, sagte Orozco-Estrada nach dem Konzert. “Sie sind begeisterungsfähig, und ihre Energie, Leidenschaft und Inspiration stecken auch das Publikum an.”

Houston Symphony auf Europa-Tour: Eindringlicher Klang im Brüsseler BOZAR-Saal

Dass die Musik das Leben der Menschen verändern kann, ist eine Überzeugung, die in Andrés Orozco-Estradas Biografie begründet ist: In der kolumbianischen Stadt Medellín wuchs er inmitten von Drogenkriminalität auf. Schon als Kind fand er Ruhe und Sinngebung in der Musik.

“Man kann durch eine große Stadt spazieren gehen und dabei ihre Schönheiten übersehen”, sagte Orozco-Estrada der DW. “Ebenfalls kann man sich mit schöner Musik täglich beschäftigen, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Man muss sein Bewusstsein schärfen und die innige Verbindung zur Welt aufrechterhalten.”