Gift und Agenten: Bei Seitenwechsel Mord

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Mit einem Nervengift soll der russische Ex-Agent Sergej Skripal vergiftet worden sein. Wollten Geheimdienstler den Überläufer töten? Wenn ja, dann wäre es nicht das erste Mal. Giftmord gehört zu ihrem Handwerk.

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Allmählich wird klarer, mit welcher Substanz Sergej Skripal in Berührung kam, bevor er das Bewusstsein verlor. Die britischen Behörden haben Spuren eines Nervengases gefunden und ermitteln nun wegen versuchten Mordes. Dabei untersuchen sie vor allem, ob der Ex-Agent und seine Tochter Opfer eines Giftanschlags mit russischer Handschrift wurden.

Die beiden seien “gezielt angegriffen” worden, sagte der Chef der britischen Anti-Terror-Einheit, Mark Rowley. Auch ein Polizeibeamter befinde sich inzwischen in einem lebensbedrohlichen Zustand.

Sergej Skripal hatte als Offizier des russischen Militärgeheimdienstes Agenten an den britischen MI6 verraten. Dafür wurde er in Russland zu 13 Jahren Haft verurteilt, kam jedoch bei einem Gefangenenaustausch vorzeitig frei und erhielt in Großbritannien Asyl. Nun könnte er Ziel eines Racheaktes geworden sein.

Der Mann auf der Parkbank

Er schaute zum Himmel, bewegte seine Hände merkwürdig hin und her. An ihn gelehnt: Eine jüngere Frau, sie scheint das Bewusstsein verloren zu haben. Dieses Bild beschrieben Augenzeugen, die den russischen Ex-Agenten und seine Tochter Yulia am Sonntag im Städtchen Salisbury im Süden Englands fanden.

Ermittler vermuten, dass der 66-Jährige Skripal und seine Tochter vergiftet worden sein könnten. Die beiden befinden sich immer noch in “kritischem Zustand”. “Wenn es so schlimm ist, wie es aussieht, dann ist das ein weiteres Verbrechen, das wir Russland anlasten müssen”, sagt der britische Außenminister Boris Johnson am Dienstag.

2006 saß Sergej Skripal noch in Russland hinter Gittern

Wenn ja – warum schlug man nicht zu, als Skripal noch in Russland hinter Gittern saß? Oder soll ein Anschlag andere mögliche Überläufer abschrecken? Ob Skripal wirklich Opfer seiner ehemaligen Kameraden wurde ist noch lange nicht gewiss. Doch vielen in Großbritannien drängt sich der Verdacht auf. Denn die Erinnerung an ähnliche Fälle ist wach.

Die tödliche Tasse Tee

Es war nur ein guter Schluck grünen Tees, ohne Zucker, eher kalt als warm, der Alexander Litwinenko zum Verhängnis wurde. Der ehemalige FSB-Agent war 1999 nach London geflohen, zum MI6 übergelaufen und hatte scharfe Kritik am Kreml geäußert.

Am 1. November 2006 traf Litwinenko Kollegen aus Geheimdienstzeiten, die ihm den Tee in einer Hotelbar anboten. In der Nacht darauf wurde Litwinenko übel, er muss erbrechen, litt unter Atemnot. Im Krankenhaus verschlechterte sich sein Zustand immer weiter. Erst kurz vor seinem Tod drei Wochen später stellen die Ärzte fest, dass Litwinenko mit dem radioaktiven Metall Polonium 210 vergiftet wurde.

Alexander Litwinenkos Grab auf dem Highgate-Friedhof in London

Nach fast zehnjähriger Untersuchung kommen britische Ermittler zu dem Schluss, der russische Präsident Wladimir Putin habe die Ermordung seines Kritikers “wahrscheinlich persönlich gebilligt”. Handfeste Beweise können sie jedoch nicht liefern.

Die Botox-Zigarre

Zu Zeiten des Kalten Krieges wurde bei Geheimdiensten in Ost und West mit Gift experimentiert. Bei einer US-Senatsanhörung im Jahr 1975 fand eine CIA-Pistole Erwähnung, die einen winzigen Pfeil aus gefrorenem Gift verschießen sollte. Ob diese oder ähnliche Waffen je zum Einsatz kamen wird in Foren von Verschwörungstheoretikern ausführlich diskutiert.

Fidel Castro und seine Zigarre: Objekt zahlreicher Attentatsphantasien

Klar ist: Auch der Westen plante Giftmorde. In Washington hatte man jedoch eher feindliche Potentaten auf der Abschussliste als Verräter aus den eigenen Reihen: darunter Patrice Lumumba im Kongo oder Rafael Trujillo in der Dominikanischen Republik.

Eine mit dem Nervengift Botox präparierte Zigarre hätte Fidel Castro töten sollen. Oder ein mit Giftpille angereicherter Schokoladen-Milchshake. Oder, oder – der Phantasie der US-Agenten waren bei Anschlagsplänen auf den Kommunistenführer im eigenen Hinterhof keine Grenzen gesetzt.

Rizin aus dem Regenschirm

Wie vom James-Bond-Quartiermeister Q entwickelt mutet auch die Waffe an, mit der Georgi Markov im September 1978 ermordet wurde. Der bulgarische Dissident im Londoner Exil spürte auf der Waterloo-Brücke plötzlich einen Stich im Bein. Drei Tage später war er tot.

Aus einer präparierten Regenschirmspitze war ihm knapp zwei Millimeter große Kugel mit Rizin, einem hochgiftigen Pflanzenstoff unter die Haut gestochen worden. Noch immer ist nicht klar, wer hinter dem Attentat steckt. Der kommunistischen Führung Bulgariens war Markov jedoch ganz klar ein Dorn im Auge.

Denkmal für den Dissiedenten Georgi Markov in der bulgarischen Haupstadt Sofia

Auch auf deutschem Boden haben Agenten zu Zeiten des Kalten Krieges mit Gift gemordet. KGB-Mann Bogdan Staschinski nutzte für zwei Morde an ukrainischen Nationalisten Ende der 1950er Jahre eine Art Pistole, mit der er seinen Opfern aus nächster Nähe Blausäuregas ins Gesicht sprühte. Als Staschinski später in den Westen überlief, wollte ihm zunächst niemand glauben. Zu sehr erinnerte seine Erzählung an Spionagethriller billigerer Machart.

VX und Raketen

Zurück in die Gegenwart: Auf dem Flughafen der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur starb im Februar 2017 Kim Jong Nam, Halbbruder des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un. Zwei Frauen hatten ihm das Nervengift VX ins Gesicht gerieben, ein Kampfstoff, der die Nerven bis zum Atemstillstand reizt. US-Ermittlern gilt mittlerweile als sicher, dass der Mord im Auftrag Norkoreas geschah. Bei seinem Halbbruder war Kim Jong Nam in Ungnade gefallen.

Nicht nur Nordkorea, auch zahlreiche andere Staaten töten heute noch Einzelpersonen gezielt und ohne Gerichtsverfahren. Dazu gehören unter anderem Russland, aber auch die USA und Israel, die mutmaßliche Terroristen ins Visier nehmen. Diese Attentate per Kampf-Drohne oder Luft-Boden-Rakete sind zwar weniger geräuschlos als der Mord mit Giftampullen – sie erhalten aber lange nicht so viel Aufmerksamkeit.