Cartoonist Art Spiegelman wird 70

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Der US-amerikanische Künstler hat den Holocaust in seinem weltweit erfolgreichen Comic “Maus” verarbeitet. Dafür wurde er als erster Cartoonist mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Jetzt feiert er seinen 70. Geburtstag.

Spiegelmans politische Comics im Jüdischen Museum in New York

Wer “Maus” gelesen hat, meint Art Spiegelman schon gut zu kennen. In seinem weltberühmten Schwarz-Weiß-Comic verarbeitet er die Geschichte seiner Familie. Seine polnisch-jüdischen Eltern überleben getrennt voneinander den Holocaust. Spiegelmans ältester Bruder und viele Verwandte wurden damals ermordet. Das Schicksal seiner Familie beschäftigt Spiegelman so sehr, dass er in den 1980er Jahren beginnt, die Verfolgung und Ausmerzung des jüdischen Volkes mit den Möglichkeiten eines Comic-Zeichners aufzuarbeiten: Er zeichnet die Nazis als Katzen und die Juden als Mäuse. Diese Metapher und das Comic als Kunstform bringen ihm bei Erscheinen von “Maus” heftige Kritik ein: Tabubruch wirft man ihm vor. Es könne doch nicht sein, dass man den grauenvollen Holocaust als Comic erzählt, mahnen die Kritiker. Spiegelman erklärt, dass er Cartoonist sei und der Comic “die einzige natürliche Sprache”, die er sprechen könne.

Die Auseinandersetzung

“Ich habe es nie gemacht, um die Welt zu verbessern”, erklärt Art Spiegelmann einmal. “Maus” war auch eine vielschichtige Reflexion über das Schreiben und Erinnern. Der Roman basiert auf langen Gesprächen mit dem Vater Wladek Spiegelman, die der Sohn in den 1970er Jahren aufgenommen hatte. Wie begegnet man Vater und Mutter – die Mutter Anja brachte sich 1968 um -, die solch Schreckliches erlebt haben? Wie reagiert man darauf als Nachfahre? Und wie verhält man sich im Spannungsfeld zwischen persönlicher Auseinandersetzung mit der eigenen Familie und dem Selbstverständnis als Künstler?

Vielfach ausgezeichnet

“Maus” entwickelte sich in kurzer Zeit zum Welterfolg. Art Spiegelman wird 1992 als erster Comic-Zeichner mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. 2015 wird er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. In Deutschland erhält er 2012 den renommierten Siegfried-Unseld-Preis und das Kölner Museum Ludwig widmet ihm im selben Jahr eine große Retrospektive.

Welterfolg in zwei Bänden

Der Druck des großen Erfolgs

Die große Anerkennung blockiert Spiegelman zeitweilig in seiner künstlerischen Kreativität. Er hat Angst, beim Publikum auf ein einziges Werk reduziert zu werden: “Warum Mäuse? Warum Comics? Warum der Holocaust?” Diese Fragen will Spiegelman nicht mehr beantworten. Wohl auch, weil sie ihm in den letzten Jahren zu oft gestellt wurden. Auch deshalb gibt der Künstler 2011 in den USA ein Buch herausgegeben, das er “Metamaus” nennt und in dem alles steht, was man über die Entstehung seiner Holocaust-Geschichte wissen muss.

Wohl selten gewährt ein Künstler einen so großzügigen Einblick in seinen Schaffensprozess. Seine künstlerischen Wurzeln, seine Vorbilder, sein Verständnis von Geschichte, private Einblicke in sein Familienleben – all das ist in “Metamaus” zu finden. Ein sowohl sinnliches, als auch wissenschaftlichen Ansprüchen genügendes Buch. “Ich antworte hier auf alles”, sagte Spiegelman in einem Interview mit der Deutschen Welle. “Ich wollte diesem ewigen Frage-und- Antwort-Spiel immer entkommen. Irgendwann habe ich eingesehen, dass das nicht geht. So habe ich alles veröffentlicht, was ich weiß.”

“The Bastard Offspring…”, gezeigt in der Kölner Retrospektive

Ein komplexes Werk

Der in Stockholm geborene und im Alter von drei Jahren in die USA ausgewanderte Künstler greift auch nach den Anschlägen vom 11. September zum Zeichenstift. Der Band “Im Schatten keiner Türme” erscheint zunächst in Deutschland, erst später in den USA. Der ZEIT-Verleger Michael Naumann bietet Spiegelman damals in der Wochenzeitschrift ein Forum für seine Cartoons. Mit Deutschland verbindet Spiegelman einiges. In “Metamaus” kann man auch nachlesen, welche deutschen Künstler ihn inspiriert haben. Und schon Ende der 1970er Jahre entwickelt sich eine enge Zusammenarbeit mit dem deutschen Verlag “2001”, für den Spiegelman Cover entwirft.

Der Beunruhigte

Der britischen Online-Zeitung “The Independent” erzählte Art Spiegelman vor kurzem: “Ich bin ständig beunruhigt. Das liegt in meiner Natur.” Aber jetzt habe er endlich etwas gefunden, worüber sich das Sorgenmachen lohne. Spiegelman denkt dabei an US-Präsident Donald Trump. “Ich sehe da Ähnlichkeiten zu Hitler in der Weise, wie es sehr schnell zu Dingen kam, die mir surreal vorkommen.” Außerdem beobachtet der in New Yorker lebende Künstler in seiner US-amerikanischen Heimat ein “Abrutschen hin zur Grobheit”.
Auch mit 70 Jahren (15. Februar) bleibt Art Spiegelman und sein Werk ein “Spiegel der Geschichte”, so der Untertitel des französischen Film-Porträts “Comix” von 2005.