Vor 125 Jahren: Erste Rolltreppe am Start

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Treppensteigen ohne Anstrengung – dank der Rolltreppe kommen Kunden oder Passagiere bequemer und schneller voran. In 125 Jahren wurde die Rolltreppe ein unverzichtbares Transportmittel und gestalterisches Element.

Rolltreppe zur U-Bahn-Station Köln – Heumarkt

Am 16. Januar 1893 nahm in New York die erste Rolltreppe ihren Betrieb auf. Zwar nennen manche Quellen auch spätere “Geburtsdaten”. Klar aber ist: Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hat die Rolltreppe einen weltweiten Siegeszug erlebt. Dieser ist eng verknüpft mit Jesse Wilford Reno. Der Amerikaner ließ sich 1892 einen “Endless Conveyor or Elevator” patentieren, also eine Art “unendliches Transportband” mit einer umlaufenden Plattform statt Stufen, wie die Kulturwissenschaftlerin Andrea Mihm in ihrer Dissertation ausführt.

Rolltreppe in einer U-Bahn-Station in New York

Erstmals eingesetzt wurde diese Fahrrampe laut dem Fachunternehmen Schindler dann am New Yorker Bahnhof Cortlandt Station. Nicht jeder sei davon begeistert gewesen: Kritiker hätten gespottet, nun würden Menschen wie “Kisten, Kartons oder Vieh” transportiert. Dennoch gelang der Rolltreppe der Durchbruch. Dazu führte im Jahr 1900 Renos Verkauf von hundert geneigten Laufbändern an die New Yorker Hochbahn. Dadurch habe das Konstrukt zunehmend die urbane menschliche Wahrnehmung geprägt, notiert Mihm. Zudem fand im selben Jahr auf der Pariser Weltausstellung eine Gesamtschau sämtlicher inzwischen entwickelter Rolltreppen und Laufbänder statt – denn neben Reno gab es weitere Tüftler, die begeistert waren vom Stufensteigen ohne Muskelkraft.

Ägyptische Rolltreppe bei Harrod’s in London

Brandy zur Stärkung

Die Nutzung einer Rolltreppe war zunächst gewöhnungsbedürftig. Daher gab es anfangs Aufsichten, die den Menschen beim Auf- und Absteigen halfen. Im Londoner Kaufhaus “Harrod’s” hatte das Wachpersonal laut Mihm noch eine weitere Aufgabe: Es reichte männlichen Passagieren am Ende jeder Fahrt Brandy und den weiblichen Fahrgästen Riechsalz. Einerseits sollte so “das auf der Rolltreppe aufkommende Gefühl des automatischen Fahrens zeitlich ausgedehnt und somit als beseligte Erinnerung im Gedächtnis der Fahrer konserviert werden”. Andererseits habe die Fahrt einige Damen derart schockiert, dass man sie quasi ins Diesseits habe zurückholen müssen.

Rolltreppe in der Hamburger Elbphilharmonie

Eine spirituelle Kategorie wie das Diesseits ist bei der Rolltreppe nicht unangebracht. Denn den Recherchen von Andrea Mihm zufolge wurde das Gerät anfangs “als Wesen mit übernatürlichen, ja göttlichen Eigenschaften präsentiert”. Schließlich lasse der geradlinige Verlauf von unten nach oben den Betrachter den Eindruck gewinnen, die Konstruktion führe direkt ins “Allerheiligste” des sie umgebenden Raumes. Diese Aufmachung erinnere sehr an das biblische Bild der Himmels- oder Jakobsleiter.

Rolltreppe in der Station Admiralteiskaya in Sankt Petersburg

Auch der größte Wallfahrtsort der Welt hat in der Basilika von Guadalupe in Mexiko-Stadt eine Rolltreppe. Auf dieser fahren die Pilger an einem Gnadenbild vorbei – anders ließe sich der Andrang nicht bewältigen. Neben netten Anekdoten bietet die Geschichte der Rolltreppe auch Tragisches. Immer wieder etwa gibt es Unfälle durch eingezogene Kleidung. Heute nutzen täglich Hunderte Millionen Menschen Rolltreppen. Auch in Sankt Petersburg, wo die mit 137 Metern längste durchgängige Rolltreppe der Erde steht.

is/ks (mit kna)