Eurogruppe: Der Neue ist ein Portugiese

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Der Portugiese Mario Centeno folgt als neuer Eurogruppenchef auf den Niederländer Jeroen Dijsselbloem. Er gilt in Brüssel als Wunschbesetzung, doch die Erwartungen sind hoch: Der Umbau der Währungsunion steht an.

Jeroen Dijsselbloem lacht ihn weg, seinen Versprecher.  Dass der Noch-Vorsitzende der Eurogruppe sich verplappert und den Namen Centeno nennt, bevor die Finanzminister abgestimmt haben, zeigt die breite Unterstützung für den neuen Mr. Euro. Auf EU-Fluren gilt es vor der Abstimmung bestenfalls als offenes Geheimnis: Der Portugiese Mario Centeno ist der eindeutige Favorit des Gremiums.

Brückenbauer, Top-Ökonom — kaum ein Finanzminister, der nicht lobend über Mario Centeno spricht. Portugal, ehemals hilfsbedürftig unter dem Euro-Rettungsschirm, darf künftig über das Eurogeld entscheiden. Das Land hat unter Centenos Fittichen tatsächlich eine beachtliche Wirtschaftsleistung hingelegt. Das wird ausdrücklich goutiert im Kreise der 19 Finanzminister. Centeno hat den portugiesischen Haushalt in den vergangenen Jahren entschlossen saniert, lobt der EU-Parlamentarier Wolf Klinz von den Europäischen Liberalen. Doch die Wahl geht hinaus über persönliche Meriten im eigenen Land.

Hat sich verplappert: Jeroen Dijsselbloem, der bisherige Chef der Eurogruppe

Das Ende einer Ära

Der Süden Europas ist nicht mehr schmuddeliges Hinterzimmer, voll mit Politikern, die ihre Finanzen nicht im Griff haben und den überstrapazierten «Hausaufgaben» nicht nachkommen — soweit die politische Botschaft der Personalie Centeno. Es ist eine Friedenspfeife, die Europa sich anschickt anzustecken.  Mit dem Luxemburger Jean-Claude Juncker und zuletzt dem Niederländer Jeroen Dijsselbloem stellten die Benelux-Staaten insgesamt dreizehn lange Jahre den Vorsitz der mächtigen Eurogruppe. Die Wahl Mario Centenos birgt eine doppelte Symbolik: Es ist nicht nur ein «Schaut her, die Eurokrise ist überwunden». Es ist nach Jahren der Krise auch eine wohlmeinende Geste Richtung Europas Süden. «Es fördert den innereuropäischen Machtausgleich, dass nun ein Finanzminister aus dem Süden Chef der Eurogruppe wird. Centeno ist der Anti-Schäuble unter Europas Finanzministern. Portugal hat Schäubles Austeritätsdogma erfolgreich widerlegt», feiert der finanzpolitischer Sprecher der Europäischen Grünen im EU-Parlament Sven Giegold das Ende einer Ära.

EU-Arithmetik

Selbstredend wäre es kein EU-Job, wenn nicht auch bei diesem mächtigen Posten eine fein ausgewogene Arithmetik an der Spitze der EU Institutionen eine maßgebliche Rolle spielen würde. Wer ist dran, welches Land darf mal, welche politischen Strömungen dürfen in Brüssels Hinterzimmern die Strippen ziehen? Portugals Centeno kommt nicht nur aus dem Süden, er ist für den Job des Eurogruppen-Vorsitzenden auch in der richtigen Partei. Gehören EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sowie EU-Ratspräsident Donald Tusk der konservativen Europäischen Volkspartei an, zählt der 51-jährige Ökonom zu den Europäischen Sozialisten — wie sein Vorgänger Jeroen Dijsselbloem. Sprich: das feingeknüpfte Konstrukt aus Posten und Partei muss mit Centeno nicht neu aufgedröselt werden. Ein weiterer beachtlicher Grund, der ihn zum Liebling machte im nahezu mächtigsten Gremium in Brüssel.

Sozialist, Finanzminister und Fußballfan: Mario Centeno

Der Chef der Eurogruppe braucht nicht nur Sitzfleisch für nächtliche Verhandlungen. Er muss das Vertrauen seiner Kollegen besitzen, dass er im Interesse aller Euro-Mitgliedstaaten der Eurogruppe vorsitzt. Dijsselbloem hatte sich seinerzeit in diese Aufgabe im Eiltempo hinein gefuchst, ob der drängenden Causa Griechenland. Unter seinem Vorsitz und nach unzähligen nächtlichen Zitterpartien blieben die Hellenen im Euro. Diesen Respekt muss sich Centeno erst noch erarbeiten auf europäischem Niveau.

Klinkenputzer aus Paris

Doch die Bühne, dies zu zeigen, gibt es immer noch — auch ohne das Griechenland-Drama. Neben Deutschland und Italien machte sich allen voran Frankreich stark für Centenos Bewerbung. Als neuer Mr. Euro soll der Portugiese maßgeblicher Akteur sein für die anstehende Reform der Eurozone. Seit dem Sommer geht der französische Präsident in Europa Klinken putzen mit seinem Vorschlag, die gemeinsame Währungsunion radikal umzugestalten. Eigener Euro-Finanzminister, eigenes Euro-Budget, parlamentarische Kontrolle. Nur zu gerne würde er endlich beginnen, in großem Stil seine Ideen in Brüssel zu diskutieren — umso mehr, als Deutschland auf dem Brüsseler Parkett ob der stockenden Koalitionsverhandlungen schwach auf der Brust scheint. Die Stimmen in Brüssel zum frisch gekürten Eurogruppen-Chef sind eindeutig.

Ob Mario Centeno als erfolgreicher Eurogruppen-Chef in die Brüsseler Annalen eingeht, wird maßgeblich davon abhängen, ob unter seiner Ägide eine reformierte Eurozone reüssiert oder scheitert. Nicht weniger als das.