Whistleblower: «Es war meine Pflicht»

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Martin Porwoll hat den Apothekerskandal in Bottrop mit aufgedeckt. Nun bekommt er den Whistleblower-Preis 2017 verliehen. Im DW-Gespräch wünscht er sich Hilfen für Informanten — die häufig erstmal ins Bodenlose fallen.

Mahnwache vor der «Alten Apotheke» in Bottrop: Über 4000 Menschen könnten von der Panscherei betroffen sein

Deutsche Welle: Vor vier Jahren wurde der Whistleblower-Preis an Edward Snowden, davor an Chelsea Manning vergeben. Welche Gedanken gingen Ihnen durch den Kopf, als Sie von der Preisverleihung hörten?

Martin Porwoll: Als ich erfahren habe, dass ich den Preis bekomme, habe ich mir sofort die Frage gestellt: Wie gehöre ich denn in diese Reihe rein? Ich empfinde mich gar nicht als ‘würdig’. Ich charakterisiere meine Leistung auch nicht so, dass ich sagen würde: Ich stehe jetzt in einer Reihe mit Edward Snowden und Chelsea Manning. Ich bin schon etwas verwundert.

Sehen Sie sich denn selbst als Whistleblower?

Mittlerweile muss ich sagen: Ja. Aber auch nur, weil man mich so bezeichnet hat. Ich selber empfinde es gar nicht so. Wenn ich an die vergangene Zeit zurückdenke, war ich nicht getrieben, etwas aufzudecken. Ich habe es als meine Pflicht empfunden, das zu tun, was ich gemacht habe. Nach dem Motto: Da ergibt sich ein Verdacht, ich hab genug Verdachtsmomente gesammelt, die ihn untermauern. Da bleibt einem nichts anderes übrig, als das zur Anzeige zu bringen. Ich kam nie auf die Idee, dass ich jetzt Whistleblower bin.

Was genau macht Sie denn zum Whistleblower? Was haben Sie aufgedeckt? 

Ich habe in einer onkologischen Schwerpunktapotheke gearbeitet, die individuell verordnete Therapien für Krebspatienten hergestellt hat. Auf Basis schon vorherrschender Gerüchte in der Apotheke habe ich recherchiert. Ich habe dann festgestellt, dass eine gravierende Differenz zwischen der eingekauften Wirkstoffmenge und der im Rezept verordneten Wirkstoffmenge bestand. So lag der Verdacht auf der Hand, dass nur 20 bis 30 Prozent der benötigten Menge eingekauft wurden. Was wiederum zur Schlussfolgerung führte: Die Therapien, die die Patienten bekommen, waren möglicherweise gestreckt. Diesen Verdacht habe ich zur Anzeige gebracht. Der Verdacht ist von den Ermittlungsbehörden so nachhaltig bestätigt worden, dass im November Anklage erhoben wurde und der Prozess jetzt läuft.

Der Apotheker Peter S. soll Medikamente gefälscht haben — seit November steht er vor Gericht

Wie schwer oder leicht fiel es Ihnen, Ihr Wissen preiszugeben?

Die Entscheidung an sich ist leicht. Da es ja um Menschenleben geht, stellt sich für mich persönlich gar keine Entscheidung. Da gibt es nur eine Art, richtig zu handeln. Trotzdem hat es ein paar Monate gedauert, bis ich mich zum letzten Schritt durchringen konnte. Es kamen immer mal wieder Momente, wo ich mich fragte, ob ich alle Eventualitäten bedacht hatte. Irgendwann war ich dann jedoch an dem Punkt, wo ich mir gesagt habe: Jetzt ist genug gehadert. 

Was war Ihre Motivation, alles zu veröffentlichen?

Es geht mir nicht nur darum, dass diese Person (der angeklagte Apotheker Peter S., Anm. d. Red.) möglicherweise kriminell geworden ist. Es geht mir um die gesetzlichen Rahmenbedingungen, die es überhaupt erst möglich gemacht haben, kriminelle Aktivitäten an den Tag zu legen. Das zu ändern ist mein Anliegen. Deshalb möchte ich an die Öffentlichkeit gehen. Denn auch heute — ein Jahr, nachdem der Skandal öffentlich geworden ist — hat sich an den Rahmenbedingungen nichts geändert. Noch immer kann sich ein Patient, der eine Chemotherapie bekommt, nicht sicher sein, was er da bekommt. Es gibt immer noch keine vernünftigen Regularien und Kontrollmechanismen, um die Arzneimittelsicherheit sicherzustellen.

Oft stehen Whistleblower nach ihren Enthüllungen schlecht da, verlieren ihren Job, haben Probleme, wieder in den Beruf zu finden und zudem Anwaltskosten zu bewältigen. Wie geht es Ihnen heute?

Das kann ich alles in vollem Umfang bestätigen. Ich bin fristlos gekündigt worden, bin lange Zeit arbeitslos gewesen. Auch intensive Bewerbungen und Vermittlungsversuche sind gescheitert. Es hängt einem doch was an, was man von der Vita ganz offensichtlich nicht trennen kann und potentielle Arbeitgeber davor zurückschrecken lässt, einen anzustellen. Vor zwei Monaten habe ich mich — quasi aus Notwehr — im Beratungsbereich selbstständig gemacht und zwei Apotheken als Kunden gewinnen können. Zu den Anwaltskosten: Ich habe mich natürlich mit einer Kündigungsschutzklage gewehrt. Das sind Anwaltskosten, die man dann persönlich trägt. Ich bin auch noch in Berufung gegangen, möglicherweise kommen auch noch mehr Kosten auf mich zu. Es gibt ja leider nichts, was einen Whistleblower in irgendeiner Art unterstützen würde. Wer in Deutschland einen Missstand aufdeckt, steht alleine da.

Welche Form von Unterstützung würden Sie sich denn wünschen?

Es wäre schön, wenn es eine institutionalisierte Betreuung für Whistleblower gäbe. Man braucht psychologische Betreuung, juristischen Beistand. Wenn einem das abgenommen würde, wäre das schön. Wichtig wäre auch eine finanzielle Übergangslösung. Fakt ist, dass man privat erstmal ins Bodenlose fällt und im günstigsten Fall ja nur entlassen wird. Eine finanzielle Rückendeckung, bis man wieder ins normale Leben zurückkehrt — das wäre schön. Aber auch hier ist das Ergebnis: Es wird viel nachgedacht, aber leider nichts gemacht. 

Was bedeutet Ihnen der Preis? Ist es auch eine Form der Anerkennung und Unterstützung?

Es ist auf jeden Fall eine Anerkennung. Man macht das ja nicht, um irgendeine Anerkennung zu bekommen. Aber es ist natürlich schön, wenn die Sachen, die man bewegt hat, nicht nur einem selbst gefallen, sondern auch Dritte finden: Das hast du gutgemacht.

Der Volkswirt Martin Porwoll war in der «Alten Apotheke» in Bottrop tätig. Gemeinsam mit seiner Kollegin Maria-Elisabeth Klein deckte er auf, dass in der Apotheke Anti-Krebsmedikamente gepanscht wurden. Für ihren Mut werden beide mit dem «Whistleblower-Preis» ausgezeichnet. Die Auszeichnung wird von der International Association of Lawyers against Nuclear Arms und der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler verliehen — dieses Jahr zum zehnten Mal. Auch der im deutschen Exil lebende türkische Journalist Can Dündar erhält den «Whistleblower-Preis 2017».

Das Gespräch führte Stephanie Höppner.