Die schwierige Russland-Entscheidung des IOC

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Bislang wurden aufgrund von Doping-Verstößen nur einzelne russische Athleten bestraft. Doch nun liegen der WADA neue Daten vor. Wird das IOC Russland bei den Olympischen Winterspielen 2018 überhaupt noch zulassen?

Russland droht von den Olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang im Jahr 2018 ausgeschlossen zu werden. Genau das wird von Thomas Bach, dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), verlangt. Bachs Kritiker fordern, überhaupt keine russischen Sportler mehr zuzulassen, angesichts neuer Informationen zu Doping-Verstößen in Russland, die von der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) am 10. November vorgelegt wurden.

Wie schon vor den Olympischen Sommerspielen in Rio 2016 ist der IOC-Chef, dem eine wohlgefällige Haltung gegenüber Russland und seiner Führung nachgesagt wird, in einer sehr schwierigen Lage. Wenn er klar Position gegen Präsident Wladimir Putin bezieht, der jüngst erneut betont hat, es habe keine staatliche Beteiligung an den Doping-Verstößen gegeben, dann riskiert er, dass die Russen die Olympischen Spiele boykottieren werden. «Gerade das will Bach mit allen Mittel vermeiden», sagte der deutsche Journalist Hajo Seppelt in der ARD. Er ist Autor mehrerer Filme über Doping in Russland. Aber andererseits, so Seppelt, könnte Bach, sollte er keine Maßnahmen ergreifen, angesichts der neuen Doping-Beweise die ganze Welt gegen sich aufbringen.

Zwei Untersuchungskommissionen

Trotz Vorwürfen gegen Russland, die in einem vor fast eineinhalb Jahren von Professor Richard McLaren veröffentlichten Bericht zusammengetragen wurden, wollten weder Thomas Bach noch das ganze IOC über das Schicksal der russischen Mannschaft bei Olympia in Rio entscheiden. Bach schlug damals vor, die einzelnen Sportverbände sollten selbst eine angemessene Entscheidung treffen.

Wie wird IOC-Präsident Thomas Bach jetzt entscheiden?

Nach den Spielen in Rio verfolgte Bach die Strategie, die Russen zwar nicht aus der olympischen Bewegung auszuschließen, dafür aber zwei Kommissionen zu bilden, die den Fakten im McLaren-Bericht nachgehen sollten. Der Schweizer IOC-Funktionär Denis Oswald übernahm die Leitung der Disziplinarkommission, die die Beweise für die Manipulation von Dopingproben während der Olympischen Winterspiele im russischen Sotschi 2014 untersuchte. Die zweite Kommission unter der Führung des Schweizer Politikers Samuel Schmid sollte sich mit der Rolle staatlicher Strukturen bei den Doping-Verstößen befassen.

Bestrafung einzelner Athleten

Bislang beschränkte sich die Oswald-Kommission auf einzelne Geldbußen und bestrafte sechs Skifahrer des russischen Teams sowie die Eiskunstläuferin Adelina Sotnikowa. Sollte das IOC beschließen, auch noch die Biathletinnen Jana Romanowa und Olga Wiluchina zu bestrafen, dann wird sich dies entscheidend auf den Medaillenspiegel von Olympia in Sotschi auswirken: Russland wird dann mehr als drei Jahre nach den Spielen seinen ersten Platz in der Gesamtwertung verlieren.

Die Entscheidung zugunsten individueller Bestrafungen von Sportlern sei ein Zeichen der Schwäche des IOC, meint Christof Wieschemann, der deutsche Anwalt des russischen Skilangläufers Alexander Legkow, der am 30. Oktober vom IOC lebenslang gesperrt wurde. Wieschemann ist überzeugt, dass Legkow keine Beweise für seine Schuld vorgelegt wurden. Die Begründung der IOC-Entscheidung ist noch nicht veröffentlicht.

Jubel in Sotschi 2014 — Die Goldmedaille ist Alexander Legkow inzwischen aberkannt worden

Bach und das IOC erwogen laut Medienberichten neben den individuellen Strafen auch andere Sanktionen gegen Russland, zum Beispiel eine Geldstrafe gegen das russische Olympische Komitee. Genannt wurde eine Summe von bis zu 100 Millionen Dollar. Eine weitere Form der Bestrafung hätte laut der ungenannten Quellen der New York Times ein Verbot der der Hymne der Russischen Föderation und ein Ausschluss der russischen Athleten von der Eröffnungszeremonie der Spiele sein können.

Neue Informationen der WADA

Möglicherweise bleibt dem IOC nun nichts anderes mehr übrig, als zum äußersten Mittel zu greifen. In vielerlei Hinsicht wird dies jedoch davon abhängen, über welche neuen Informationen die WADA bezüglich des Einsatzes verbotener Präparate durch russische Athleten verfügt. Nach Angaben der Anti-Doping-Agentur bestätigen die neuen Daten die Ergebnisse des McLaren-Berichts. Darüber hat die WADA das IOC bereits informiert. Folgerichtig erwartet sie, dass das IOC die neuen Daten bei der Entscheidung über die Bestrafung Russlands berücksichtigt. Der Ursprung des belastenden Materials wird nicht genannt. Als wahrscheinlich gilt aber, dass es vom ehemaligen Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors, Grigorij Rodtschenkow, geliefert wurde. Laut Medien soll sich Rodtschenkow selbst mit seinen Daten an das IOC gewandt haben. Dies erklärt auch, warum die Anzahl der verdächtigen russischen Athleten plötzlich von 28 auf 35 gestiegen ist.

Auf der Sitzung des IOC-Exekutivkomitees, die unter der Leitung von Thomas Bach vom 5. bis 7. Dezember in Lausanne stattfinden soll, wird eine Entscheidung über Disziplinarmaßnahmen gegen Russland erwartet.